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Selbst Chris Martin entschuldigte sich für den Brezelpreis.

Coldplay in Frankfurt

Brezeln für vier Euro

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Preise und Stimmungen beim Frankfurter Stadionkonzert mit der britschen Band Coldplay.

Als erstes fällt die Fast Lane ins Auge. Der Eingang für Commerzbank-Kunden. An den anderen Eingängen ist wenig los. Das Bier kostet draußen drei Euro. Drinnen fünf. Männer über fünfzig, die Pullover über der Schulter. Trainierte Frauen über fünfzig, das Haar wallend, viel Makeup, sehr braune Haut. Ihre Töchter um die dreißig, Turnschuhe in Silber, in Gold. Die Männer, Väter, stehen daneben, trinken Bier aus Plastik.

Der Jutebeutel für dreißig Euro

Ein großer Mann, Security, tastet die Menschen am Eingang ab. In meiner Bestätigungsmail für dieses Konzert vom Veranstalter hängen die Sicherheitsbestimmungen als PDF an. „Frauen leider da drüben, Männer leider bei mir“ ruft er laut. Er grinst. Eine junge Frau diskutiert, ihre Handtasche ist zu groß, zwanzig mal dreißig Zentimeter. Ein Polizeimotorrad fährt langsam vorbei. Zwei Kinder, etwa neun, sie tragen T-Shirts mit den Minions drauf. Sie kommen zum Eingang,werden abgetastet. Drinnen Polizei in schusssicheren Westen, Maschinengewehr. T-Shirts kosten fünfunddreißig Euro, ein Jutebeutel dreißig.

Vor dem Konzert läuft Ambient-Musik,  eine schön irritierende Idee. Laolawellen im Stadion. Es erinnert eher an ein Volksfest als ein Konzert. Morgen wird es wieder so sein, Coldplay spielen zwei Abende in Folge, 70 000 Menschen. Coldplay kommen auf die Bühne. Sänger Chris Martin ist einnehmend gut gelaunt, Spurt über die Bühne, er spielt im Sitzen, das charakteristische Toben auf dem Hocker. Zwischendrin Bitten ans Publikum: Let’s dance. Clap your hands. Die Bitten sind natürlich erfolgreich.

Eine Band für die ganz großen Räume

Wo ich stehe, könnte die FDP Regierungspartei sein. Goldschmuck, Hemd in der Hose, die erwähnten Turnschuhe. Die FDP klatscht sehr viel und tanzt nicht so gut. Martin spricht Deutsch. Er entschuldigt sich für den Preis der Brezeln. Vier Euro. Coldplay haben aktuellere Songs, in denen sie sich der Electronic Dance Music genähert haben, David Guetta und ähnliche musikalische Problemfälle. Das dürfte eine Reaktion auf das hier sein: Sie sind mittlerweile eine Band für die ganz großen Räume und Gelegenheiten, Fußball-WM, Sommermärchen, so etwas. Dass Coldplay viel Zerbrechlich-Schönes geschrieben haben, ist hier kaum zu glauben. Der Rahmen diktiert, was möglich und was unmöglich ist.

Für echte Begeisterung sorgen die alten Hits, „Clocks“, „The Scientist“, „Viva La Vida“, „Fix You“ – und die aktuellste Single. Zwei Stunden ziehen sich etwas, die gute Laune wird auf Dauer etwas zäh. Ich verstehe durchaus, warum das vor fünfzehn Jahren die kommende größte Band des Planeten war. Die Songs funktionieren noch. Aber, so abgeschmackt wie der Wunsch auch ist, ich wünsche mir Coldplay in einem kleineren Rahmen, im Dunkeln, wo die Songs etwas glaubwürdiger von Intimitäten erzählen könnten. Sie spielen „Don’t Look Back in Anger“ von Oasis, den Song mit der richtigen Antwort auf den Terror in Manchester. Draußen fragt eine Frau zwei Polizisten nach dem Weg. Sie helfen.

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