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Brezel Göring im Mousonturm: Das süße Gefühl von Vergeblichkeit

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Von: Stefan Michalzik

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Brezel Göring. Foto: Tina Linster
Brezel Göring. © Tina Linster

Er macht auch sein eigenes Ding: Brezel Göring im Frankfurter Mousonturm.

Bei den Konzerten von Stereo Total war Brezel Göring stets für eine bejohlte Showeinlage gut, im Vordergrund stand jedoch über beinahe dreißig Jahre hinweg die wunderbare Françoise Cactus, die vor anderthalb Jahren früh verstorbene Duo- und Lebenspartnerin des Berliner Musikers. Im Sommer hat Göring sein erstes Soloalbum veröffentlicht, „Psychoanalyse (Volume 2)“. Nun hat er mit seiner Band im Studio des Frankfurter Mousonturms gastiert.

Die Stimmung auf diesem sehr gelungenen Album ist überwiegend melancholisch, in einigen Songs wird der Gesang von Streichern flankiert. „Das süße Gefühl von Vergeblichkeit/Erfüllt mich mit Wehmut und Bitterkeit“. Zweimal taucht auf dem Album die Stimme von Cactus auf, im Konzert aber nicht, ebenso fehlt hier die einzige tatsächliche Trauerballade, „Sanfter Wahn“. Görings fabelhafte Band – abgesehen von ihm selbst an der Gitarre und mal auch einem glissandierend fiepigen elektronischen Handgerät oder Mundharmonika weiblich besetzt – gibt dem Ganzen eine andere, teils regelrecht beschwingte Note, bis hin zur anständigen Ska-Sause. Der Sprechgesang Görings, der anfänglich im roten Anzug mit lose umgehängter Krawatte und blau-weißem Käppi nach Kostümfest aussieht, erinnert auf der Bühne mitunter an Hildegard Knef, bloß etwas verschlurfter, was seine wunderbare Eigenart ausmacht.

Und ein Lied aus „Haare“

Drogen, tut er sicherheitshalber kund, seien nicht sein Thema. In den Songs sind sie es mehrfach, als Metapher, wie er sagt und das dann auch wieder ironisiert. Einen Song hat er dem 1886 erschienenen Werk „Psychopathia Sexualis“ des Psychiaters und Gerichtsmediziners Richard von Krafft-Ebing gewidmet. Französisch singt er ausgeprägt „deutsch“, fast wie eine Replik auf Cactus’ charakteristischen französischen Akzent. Er führt in seinem Repertoire auch eine Nummer aus dem Sechziger-Jahre-Musical „Hair“ in der belustigend hüftsteifen deutschen Übersetzung von einst; in einem Medley in der Zugabe reiht sich an „Wir müssen hier raus“ von Ton Steine Scherben amüsanterweise Marianne Rosenbergs „Marlen“. War ja die gleiche Zeit, klar.

Das eigene „Hol Dynamit“ – ein Endloslied mit etlichen Scheinschlüssen und unvermutet noch einer und noch einer Strophe – ist ein Knaller beim Publikum. Ein Stimmungslied nach Art der „Party Anticonformiste“ (so der Titel eines Stereo-Total-Songcomicbandes). Das wirkt alles keineswegs wie ein Abklatsch von Stereo Total, auch wenn die Prägung durch den Punk als Haltung geblieben ist: eine Unvollkommenheit, die keine ist. Und auch die Neigung zu einem humorigen Entertainment. Doch Brezel Göring macht sein eigenes Ding.

Eine Wucht von einer Neo-Punkband sind ProAktiv im Vorprogramm, wie Göring aus Kreuzberg. Stilecht gehen die offenkundig ziemlich tollen Texte der „Diskurspunksongs“ weitgehend der krachend lauten Musik unter.

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