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Inzwischen hört man Morrissey am besten ohne Englischkenntnisse.

Plattenkritiken

Brexitjubel und Rechtspopulismus

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Von laut nach leise, am Ende Kreise: Fünf neue Alben, mit Mobiltelefongesang oder mit Orchester. Darunter auch ein sehr Befremdliches.

Das Beste am Anfang. Selten, dass schon beim ersten Reinhören der Puls steigt, der Drang, sich zu bewegen, mitzuspielen, mitzutrommeln, mitzuschreien – bei den Electric Elephants ist das so. Ihr Album „In The Great Dark Between The Stars“: Für die Liebhaber des Stoner-Rocks, für die Freunde von Kyuss, Fans der Stone Temple Pilots, auch der Queens Of The Stone Age dürfte es sein wie die Ankunft eines lang erwarteten Freundes. Die dänische Combo um Sänger und Schlagzeuger Mads Riiskjaer trifft genau den Punkt zwischen Melodik und mühsam gebremster Wut und gibt sich dabei erdenfern: „Der Bandname Electric Elephants klingt nach einer entfernten Galaxie“, heißt es begleitend zum Debüt, „eine Hommage an die Sonnen und Lebewesen in Form einer Supernova, erschaffen durch dunkle Grooves und fesselnde Melodien.“ Muss man in unserer Galaxie nicht verstehen, zuhören macht auch so Spaß, wie ein Elefant auf dem Boden.

Dann das Schönste. Dillon ist eine Brasilianerin, die als Kind nach Deutschland kam und singt, als wäre sie Britin. Das liegt vermutlich ein wenig daran, dass sie eine englische Schule in Köln besuchte. Mit dem Songschreiben tut sie sich nicht leicht – mal hat sie jahrelange Schreib- und Schlafblockaden, dann wiederum sagt sie, Schreiben sei dasselbe, als würgte man Halbverdautes wieder aus sich hervor, um es weiterzuverarbeiten. Wenn es wirklich so ist, hat sie die Formel gefunden, aus Auswurf Gold zu machen: Die Stimme der 29-Jährigen, mit vollem Namen Dominique Dillon de Byington, so zart und ungewöhnlich, in Wellen moduliert. Die Lieder so sanft und nur von wenigen Sample- und Keyboardklängen begleitet, selten durch einen Trommelrhythmus angetrieben. Den Song „The Present“ singt sie völlig unbegleitet in ihr Mobiltelefon ein. Nicht nur die Stimme, auch die Stimmung dieses ganz leisen Albums bleibt haften. Im Titellied ist Dirk von Lowtzow dabei, der Sänger der Band Tocotronic.

Dann das Befremdlichste. Über die seltsamen Disponiertheiten des Steven Patrick Morrissey und seine aktuellen Ansichten hatten wir schon an anderer Stelle berichtet. Die vorab veröffentlichte Single „Spent The Day In Bed“ weckte die bangsten Erwartungen. Und so ist das Album des einstigen The Smiths-Sängers dann auch geworden – es wimmelt verstörend von Brexitjubel und Rechtspopulismus. Schade, denn musikalisch ist das Werk richtig gut geworden, druckvoll, einfallsreich, Sangeskunst mit tollen Gitarren und Bläsersätzen. Am besten, man versteht kein Englisch und dreht die Anlage auf.

Noch einmal mit Gefühl. Tom Chaplin verdient seine Brötchen gewöhnlich als Sänger der erfolgreichen englischen Rockband Keane. Voriges Jahr nahm er schon ein Soloalbum auf, jetzt wieder, und diesmal eins, das ohne Umschweife auf den Gabentisch zielt. Seine zwölf gesungenen Weihnachtsmärchen sind allesamt dahingehaucht und rund produziert, um heimelige Stimmung zu erzeugen und sich in einen harmonischen Abend am Christbaum einzufügen. Wenn zwischendurch etwas bekannt erscheint, dann ist es die eine oder andere Schmuseversion erprobter Stücke, etwa „River“ von Joni Mitchell, „2000 Miles“ von den Pretenders, „Stay Another Day“ von East 17 und sogar „Walking In The Air“ aus dem Zeichentrickfilm „The Snowman“ von 1982. Sehr soft, aber gut gemacht und grandios gesungen.

Und noch mal mit Orchester. „Wenn sich alles in Kreisen bewegt“, singt Johannes Oerding seit Monaten aus allen Radiosendern mit einer 3 am Ende, „dann gehst du links, dann geh’ ich rechts, und irgendwann kreuzt sich der Weg, wenn wir uns wieder sehn.“ Ein schönes Lied, gar kein so doofer Text, und irre erfolgreich. Jetzt hat er es mal live mit einem 86-köpfigen Orchester gesungen, nämlich mit der NDR-Radiophilharmonie, und was soll man sagen: Das hört sich gut an, das hat einen schönen Hallen-Raumklang, das hat Schmiss, schöne Bläser- und Streichereinlagen – das hat auch was Festliches. Allerdings zeigt das Titellied, dass es sich irgendwann rächt, einen Refrain jedes Mal mit „Ey“ zu beginnen. „Ey, wenn sich alles in Kreisen bewegt.“ Nach dem fünfzigsten Mal nervt’s, ey.

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