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Harp, sechs Saiten, Stimme: Bobby Rush kocht den Sound ein.

Blues

Bobby Rush: Nur das Elementare

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
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Auf „Rawer Than Raw“ zieht Bobby Rush die Bilanz eines langen Daseins im Dienste des Blues.

Ländliche Idylle. Schrottreife Landmaschinen unter Bäumen, das Hühnervolk im dürren Gras, ein alter Mann in Latzhose, Nachmittagslicht. Bobby Rush schleicht sich an, lockt, beschwört das Federvieh. Reminiszenz an seinen ersten Single-Hit „Chicken Heads“ von 1971 oder bloß Appetit auf ein scharfes Geflügel-Gumbo?

Was sich so herzerwärmend ans Auge des Betrachters schmiegt, ist die Coverfotografie seines neuen Albums „Rawer Than Raw“, zugleich Fingerzeig auf die Tiefenschichten dieser wurzelnah-spartanischen 11-Song-Sammlung. Kurz vor dem 87. Geburtstag und somit nahe der Himmelstür, muss der als Emmett Ellis Jr. in Homer, Louisiana zur Welt Gekommene – wie jedes rechtschaffene Erdenkind – Zeugnis ablegen. Und unser Mann fährt die Ernte ein, zollt seinem langen, dem Blues geweihten Leben angemessenen Respekt: kein Schnickschnack, keine Show, nur das Elementare.

So hat sich Bobby Rush hingesetzt, Gitarre und Mundharmonika in Stellung gebracht, mit den Fußsohlen einen Rhythmus vorgegeben. Irgendwo läuft ein Aufnahmegerät, es wird Nacht über Mississippi, und Geisterakkorde, Geisterstimmen schwappen herüber. – Nüchtern gesprochen: Zu hören sind heute fünf eigene Kompositionen, denen sechs Variationen klassisch gewordener Blues-Stücke beigepackt sind.

Das Album:

Bobby Rush: Rawer Than Raw. Deep Rush Records.

Nicht grundlos treten Skip James und Robert Johnson, Howlin’ Wolf, Muddy Waters und Sonny Boy Williamson II. in den Frühherbst des Jahres 2020. Von ihnen und ihrer Musik kann Veteran Rush als letzter der Atmenden noch aus persönlichem Erleben berichten.

Mit „Down in Mississippi“ legt der dreifache Hall-of-Fame-Angehörige sogleich die Richtung fest, preist den vom großen Strom gespeisten Landstrich – wo sie alle herstammen, die Vaterfiguren und Lehrherren. Schon als Jüngling hat Bobby Rush mit Elmore James (Sidekick des legendenumwebten Robert Johnson) gespielt, später dann mit Muddy Waters, Little Walter, Jimmy Reed, Etta James – die Namen längst zu Grabe Getragener reihen sich wie Unterhemden auf der Leine.

Leute, die mit ihren Familien noch auf den Plantagen des Südens geackert haben, deren Schreie, Gebete, Gesänge bis in unsere heillose Gegenwart nachklingen. Bobby Rush weiß um die politische Schlagkraft seines Blues-Erbes, weiß von generationenweiter, fortschreitender Unterdrückung. Ein Spektrum der Klagen, aber auch der Liebe, des stets brüchigen Glücks zwischen Dolch und Galgen.

1951 hat er Howlin’ Wolf erstmals getroffen, ihm bis zum Todesjanuar 1976 verehrend zugehört – auf „Rawer Than Raw“ ist der Meister zwiefach vertreten: „Smokestack Lightning“ in einer rauen, verdichteten Interpretation sowie das selten zu vernehmende „Shake It For Me“. Es sind die trance-artigen, strömend-spirituellen Passagen, die von Jenseits zu Jenseits tragen und das Album stark machen.

Bobby Rush arbeitet auf „Rawer Than Raw“ mit verbliebener Kraft, er vertraut seiner rudimentär geblasenen Harp, dem Twang von sechs Saiten, endlich einer Stimme, der jede Gefühlsduselei ausgetrieben ist. Am Ende dann eine Unverwüstlichkeit: „Dust My Broom“, nur mit dem Nötigsten unter Dampf gesetzt. Chicken-Gumbo, eingekocht.

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