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Bob Dylan Pavillon Baltard 1978
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Bob Dylan 1978 mit einem Konzert in Nogent-Sur-Marne/Frankreich: Der einflussreichste Popmusiker des 20. und 21. Jahrhunderts.

Hommage in zehn Songs

Bob Dylan wird 80: Stürmer und Dränger, Spieler, Grübler und Clown

  • VonFrank Junghänel
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  • Harry Nutt
    Harry Nutt
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Mit Bob Dylan feiert der einflussreichste Popmusiker des 20. und 21. Jahrhunderts seinen 80. Geburtstag. Eine Hommage in zehn Songs.

Als 2016 ein Streit darüber entbrannte, wie angemessen die Verleihung des Literaturnobelpreises an den Musiker Bob Dylan sei, nahm eine Bemerkung Leonard Cohens der Debatte den Wind aus den Segeln. Für ihn, so Cohen, komme die Auszeichnung dem Versuch gleich, dem Mount Everest eine Medaille dafür anzuheften, der höchste Berg der Erde zu sein. Bob Dylan, sollte das wohl heißen, benötigt keine Preise, sein Werk stehe für sich allein.

Wir nehmen Bob Dylans 80. Geburtstag am 24. Mai also zum Anlass für eine Hommage in zehn Songs aus acht Jahrzehnten (inklusive zweier Bonustracks), die sein Schaffen und seine Bedeutung in verschiedenen Dekaden eher anspielen als ausformulieren. Er war Stürmer und Dränger, Spieler, Grübler und Clown. Er sei nur ein Song & Dance Man, hat er schon früh von sich behauptet, wohl auch, um lästige Fragen abzuwehren. Das neunte Lebensjahrzehnt hat Bob Dylan mit einem Album begonnen, in dem er durchblicken lässt, dass seine musikalische Reise noch nicht zu Ende ist. „Rough and Rowdy Ways“, von Altersmilde keine Spur. Wir gratulieren – und hören weiter zu.

Bob Dylan herbstlich – die 40er

Autumn Leaves – „Und jetzt harkt der Wind die welken Blätter“, dichtete Wolf Biermann, „weg damit, und all mein Herzeleid.“ So wenig vorstellbar das Wort Herzeleid im dichterischen Kosmos von Bob Dylan ist, so naheliegend ist es, dass beide, Biermann und Dylan, im Verlauf ihrer Liedermacherei auf das Stück „Autumn Leaves“ stießen. Polyglott wie die Herkunftsgeschichte des Liedes ist auch dessen Verbreitung.

„Autumn Leaves“ ist der englische Titel eines von Johnny Mercer aus dem Französischen übertragenen Chansons, das 1945 von Joseph Kosma auf ein bestehendes Gedicht von Jacques Prévert komponiert wurde. Als Jazzstandard wurde das fallende Blatt immer wieder aufgelesen, von Edith Piaf ebenso wie Marlene Dietrich, Frank Sinatra und Barbra Streisand. Für Bob Dylan war es mit dem sogenannten Sinatra-Zyklus der Wiedereintritt in die Musik der Zeit, bevor er selbst Musik machte.

Bob Dylan erweckend – die 50er

Not Fade Away – Bob Dylan war siebzehn, trug Pausbäckchen im Gesicht und hieß noch Robert Zimmerman, als er am 31. Januar 1959 gute 100 Kilometer von seiner Heimatstadt Hibbing zu einem Konzert in Duluth pilgerte, das sein Leben verändern sollte. Bobby, wie ihn seine Freunde nannten, war ein großer Fan von Buddy Holly. „Er war alles, was ich nicht war, aber sein wollte“, sagte er einmal über den Star des frühen Rock’n’Roll.

Seine Erinnerung gipfelt in einem Erweckungserlebnis: „Ich stand drei Fuß von ihm entfernt ... Er sah mir direkt in die Augen, und er sandte mir etwas zu. Ich weiß nicht, was. Aber ich erschauderte.“ Drei Tage später kam Buddy Holly bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Der Tag, an dem die Musik starb, wie Don McLean im Song „American Pie“ singt. Vierzig Jahre später, 1999, eröffnete Bob Dylan seine Konzerte mit Buddy Hollys „Not Fade Away“.

Bob Dylan scheiternd – die 60er

Love Minus Zero / No Limit – In der poetischen Arithmetik geht die Rechnung Liebe minus null, wie man es auch rechnet, nicht auf. Aber daraus ist ein Song von zeitloser Schönheit entstanden, und sei es nur, um herauszufinden, was es mit einer Zeile wie dieser auf sich hat: „She knows, there’s no success like failure / and failure’s no success at all.“ Mein halbes Leben habe ich versucht, darauf eine kleine Philosophie des Scheiterns zu errichten.

Bob Dylan im April 1965 mit Joan Baez in London.

Und in vielen verfahrenen Diskussionen habe ich mir zugerufen: „She knows too much to argue or to judge.“ Aus der Klugheit der Geliebten wird die Einsicht destilliert, weder argumentieren noch urteilen zu müssen, wenn man wie sie eine Wissende ist. Ach, was weiß ich, was Dylan sich gedacht hat. Es gehört zu den Stücken, die die Frage erübrigen, ob der Nobelpreis zu Recht an ihn vergeben worden ist. Erfolg, Scheitern, was soll’s.

Bob Dylan verspielt – die 70er

Time Passes Slowly – Hört man „Time Passes Slowly“ in der Version von Judy Collins, dann vergeht die Zeit noch viel langsamer. Sie zieht und dehnt die Verse, das Klavier spielt leise, ein sanft gezupfter Bass lässt den Song ins Elegische abgleiten – eine philosophisch anmutende Klage über das Vergehen der Zeit. Dabei wähnte man Bob Dylan doch eher in der Rolle eines Stürmers und Drängers. Selbst der Langsame wird irgendwann schnell.

„The slow one might later be fast“, heißt es in „The Times They Are a-Changin’“. Aus dem Weg, wer bei den anstehenden Veränderungen nicht dabei sein will. In „Time Passes Slowly“ aber geht es nicht um Aufbruch und Ungeduld, vielmehr beklagt Dylan die Langeweile beim Besuch der Mutter der Freundin irgendwo in den Bergen. Ein spielerisch-ironisches Stück vom in Nashville aufgenommenen Album „New Morning“.

Bob Dyland ergreifend – die 80er

Every Grain Of Sand – Die achtziger Jahre waren nicht gut zu ihm. In diesem Jahrzehnt sind ein paar von Dylans schlimmsten Platten erschienen. Und doch konnte man sich darauf verlassen, dass selbst auf den zerschossenen Alben das eine oder andre Juwel zu finden ist. So zum Beispiel auf „Shot Of Love“ das die Seele erhebende Poem „Every Grain Of Sand“. Der Song ist so etwas wie der Schlussstein in Dylans christlicher Trilogie.

NameBob Dylan
Bürgerlicher NameRobert Allen Zimmerman
BerufSinger-Songwriter und Lyriker
Geburtstag24. Mai 1941
GeburtsortDuluth, Minnesota, USA

Kontrastierend zu dem völlig verblasenen Sound der restlichen Platte lässt der Sänger im letzten Stück jede Pose fahren. „Ich höre die uralten Schritte wie das Wogen der See / Manchmal wende ich mich um, jemand ist da, manchmal bin ich es nur / Ich hänge in der Schwebe der Wirklichkeit des Menschen / Wie jeder stürzende Sperling, wie jedes Körnchen Sand“, heißt es in der Nachdichtung von Gisbert Haefs. Die schönste Version ist Dylans Pianofassung von 1980.

Bob Dylan gecovert – die 90er

Make You Feel My Love – Es gibt vermutlich nicht wenige, die „Make You Feel My Love“ für einen Hit der englischen Popsängerin Adele halten. Was ja auch nicht falsch ist. Adele hat den Song, der auf Dylans großem Comebackalbum „Time Out Of Mind“ als Leichtgewicht kaum auffällt, populär gemacht. Im Grunde sticht ihre Interpretation das Original von 1997 in fast jeder Hinsicht aus.

Wo Dylan sich so durchnäselt, strahlt Adele mit ihrer Grandezza die Leidenschaft und Verletzlichkeit aus, die eine Liebeserklärung braucht. Sie singt die Angst vor dem Scheitern der Liebe gleich mit. Auch andere haben das Potenzial dieses Songs entdeckt. Es gibt Coverversionen von Billy Joel, Neil Diamond, Garth Brooks und Bryan Ferry. Doch niemand erreicht Adele. Dylan selbst hat seinen Song erst in jüngerer Zeit wieder für sich entdeckt. Er singt ihn im Konzert wie ein Klagelied allein am Flügel.

Bob Dylan clownesk – die 2000er

Things Have Changed – Seit zwanzig Jahren steht bei den Konzerten von Bob Dylan eine kleine goldene Figur auf einer der Verstärkerboxen. Es ist der Oscar, den er 2001 für den Song „Things Have Changed“ gewann. Eingespielt hatte er das ohrwurmige Stück für den Film „Wonderboys“ mit Michael Douglas und Tobey McGuire. Der Überlieferung nach soll die Nummer an einem Nachmittag fertig gewesen sein. Geschrieben, aufgenommen, produziert und abgeliefert.

Die Filmkunst und Bob Dylan, das ist eine Beziehung der besonderen Art. Sagen wir es, wie es ist, seine Versuche als Regisseur oder Darsteller führten zu katastrophalen Ergebnissen. Seine größte schauspielerische Leistung liefert er in dem Video zu „Must Be Santa“ mit Perücke und einer Zipfelmütze auf dem Kopf. Wer Bob Dylan als großes Mysterium betrachtet, sollte sich das bei Gelegenheit mal anschauen. Nicht zuletzt ist er ein großer Clown.

Bob Dylan erzählend – die 2010er

Tempest – Natürlich ist Bob Dylan auch ein Moritatensänger. Den gängigen Definitionen zufolge handelt es sich dabei um eine schaurige Ballade und das Erzähllied des Bänkelsängers. Die Monotonie der Melodie kommt der Narration zugute, Moritaten sind eine Form des Storytelling, auf die Bob Dylan immer wieder zurückgegriffen hat, etwa in „Highway 61“, „Desolation Row“ oder auch in „Hurricane“, der wahren Geschichte des zu Unrecht wegen Mordes inhaftierten Boxers Rubin „Hurricane“ Carter.

Wird darin eine weltliche Geschichte über soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft erzählt, so tauchen in anderen Dylan-Moritaten oft biblische Motive auf. Am dichtesten erscheinen diese in „Tempest“, das vom Untergang der Titanic handelt, sogar Leonardo DiCaprio spielt mit. Aber es gehört nicht zur leichte Muse, „Tempest“ ist eine düstere Tragödie vom Menschen vor Gott.

Bob Dylan beiläufig – Bonustrack 1

Sign Language – Er wisse leider auch nicht, hat Bob Dylan einmal gesagt, wer der Typ war, der all die vielen Dylan-Songs geschrieben habe. Einer heißt „Sign Language“ und findet sich auf dem Album „No Reason To Cry“ von Eric Clapton (1976), aufgenommen in den Shangri-La-Studios in Los Angeles. Zur Entstehung des Duetts gehört die Anekdote, dass Dylan während der Produktion in der Nähe des Studios gezeltet habe und zum Zuhören und Plaudern vorbeikam.

Ganz beiläufig hat er nicht nur den Song spendiert, sondern auch die Bemerkung, er verstehe ihn eigentlich selbst nicht. Zeichensprache eben. Kein Geheimnis aber ist die Reverenz, die Link Wray darin erwiesen wird. Sein Gitarrenspiel erklingt aus der Jukebox. Der im Jahr 2005 gestorbene Link Wray, dessen Instrumentalstück „Rumble“ (1958) viele Musiker beeinflusste, gehört so zum erlauchten Kreis derer, die in einem Bob-Dylan-Stück Erwähnung finden.

Bob Dylan verborgen – Bonustrack 2

Catskill Serenade – Der Song, manchmal auch „Kaatskill Serenade“ geschrieben, findet sich bis jetzt auf keinem offiziellen Album. Er gehört zu jenem Teil des Kanons, der seiner Entdeckung harrt. Dylans Output lässt sich mit einem Eisberg vergleichen. Der größte Teil liegt unter Wasser. In seinen mehr als sechzig produktiven Jahren hat er neben seinen 39 Studioplatten eine Schattenwelt aus Skizzen, Varianten und immer wieder originären Songs geschaffen, die eigentlich nie für ein Publikum bestimmt waren und nun erst nach und nach veröffentlicht werden.

Die 1990 aufgelegte Bootleg-Serie bietet nicht nur eine historisch-kritische Edition seines Werks, sondern holt auch wahre Meisterstücke aus dem Archiv. Die „Catskill-Serenade“ hatte Bob Dylan 1992 für ein Album mit dem Folkmusiker David Bromberg eingespielt. Am Ende fand er alles „furchtbar“ und hat die Platte darum nie veröffentlicht. Ein Irrtum in eigener Sache. (Frank Junghänel und Harry Nutt)

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