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Bob Dylan: Wer die Parkuhr immer im Blick behält

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Von: Harry Nutt

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Bob Dylan 1978 in Paris.
Bob Dylan 1978 in Paris. © Pierre Guillaud/afp

Der unerschöpfliche Bob Dylan gibt einem alten Song eine neue Optik, setzt auf ein innovatives Produktionsverfahren – und: der Literaturnobelpreisträger schreibt ein Buch!

Pünktlichkeit war schon immer sein Ding. In den letzten Jahren jedenfalls konnten sich seine Fans und Konzertbesucher darauf verlassen, dass Bob Dylan und seine Band nie lange auf sich warten ließen. Wer wollte, konnte jetzt diesmal die Stunden in einem Countdown auf Youtube herunterzählen, wo er genau zur angekündigten Zeit den alten Song „Subterranean Homesick Blues“ in einer neuen Version vorstellte. Anlass für die visuelle Neuauflage ist das Jubiläum der 60-jährigen Zusammenarbeit zwischen Bob Dylan und der Plattenfirma CBS.

Wenn das Projekt ein Beispiel dafür sein sollte, alten Wein unter höchster Anspannung in neue Schläuche zu füllen, dann war die verheißungsvoll als „Premiere“ angekündigte Schau ein voller Erfolg. Oder soll man sagen, ein starkes Stück? Tatsächlich handelte es sich um den bekannten Song in neuer optischer Verpackung, an der unter anderem Patti Smith, Bruce Springsteen und der hinreichend bekennende Dylan-Fan Wolfgang Niedecken von BAP mitgewirkt haben.

Zweifellos ist Dylans „Subterranean Homesick Blues“ gleich in mehrfacher Hinsicht ein richtungsweisendes Stück in Dylans Gesamtwerk. Es läutete – 1965 als Single des Albums „Bringing It All Back Home“ vorveröffentlicht – Dylans elektrische Phase ein, mit der er sich vom klassischen Folk verabschiedete. Der bis dahin untypische Sprechgesang wurde später gelegentlich als früher Rap bezeichnet. Als Erfinder des HipHops wollte sich Dylan aber nicht sehen. Er verwies vielmehr auf sein Vorbild Chuck Berry („Too Much Monkey Business“) sowie auf Scat-Songs aus den vierziger Jahren.

Retro-artige Modernisierung

Popkulturelle Bedeutung aber erlangte „Subterranean Homesick Blues“ als einer der ersten Videoclips überhaupt. Für D. A. Pennebakers Dokumentation „Don’t Look Back“ hatte Dylan Schlagwörter aus dem Song auf weiße Tafeln geschrieben, die er singend wie abgelegte Spickzettel aus der Hand fallen ließ. In den rasend schnell aneinandergereihten Zeilen geht es nicht zuletzt um die Absage an Vordenker und Bescheidwisser. „Don’t follow leaders“, heißt es etwa und mündet dann in dem absurden Rat: „watch the parking meter“. Im Pennebaker-Stil wurde der Clip nun neu bearbeitet, wenn man so will, als retro-artige Modernisierung.

Dass für Bob Dylan die Parkuhr nie abgelaufen ist, verrät indes das hinter der Premiere lauernde Projekt. Bereits Ende April hatte der Musiker und Produzent „T Bone“ Burnett ein neues Produktionsverfahren angekündigt, für das er nun Dylan als Zugpferd eingespannt hat. Das sogenannte Ionic-Format sei Vinyl ähnlich, gleichzeitig aber auch etwas völlig Neues. Burnett kam denn auch gleich ins Schwärmen. „Ionic Original ist der Gipfel des aufgenommenen Klangs. Es hat eine hervorragende Qualität. Es ist zukunftssicher. Es ist einmalig.“ Bei Ionic handele es sich um einen auf eine Aluminiumscheibe aufgetragenen Lack mit einer durch die Musik verursachten spiralförmigen Gravierung. Die Lackierung habe die „Eigenschaft, Musik zu enthalten, die man hören kann, wenn man einen Stift in die Spirale steckt und sie dreht.“

„Analoger Klang ist lebendig“

In seinen Augen, zitierte die Musikzeitschrift „Rolling Stone“ Burnett vor einigen Tagen, stehe analoge Musik weit über der digitalen. In einem Versuch zu beschreiben, was ihm an analogen Aufnahmen liege, sagte Burnett: „Analoger Klang hat mehr Tiefe, mehr harmonische Komplexität, mehr Nachklang, bessere Klangabbildung. Analoger Klang hat mehr Gefühl, mehr Charakter.“ Digitaler Klang sei wie eingefroren, „analoger Klang ist lebendig“. Wie es sich klanglich dann aber tatsächlich anhört, darauf werden die Dylan-Enthusiasten wohl noch etwas warten müssen.

Bob Dylan, der Ende Mai 81 Jahre alt wird, ist unterdessen weiterhin multimedial umtriebig. In Tulsa/Oklahoma wird am Dienstag ein Museum, das Bob Dylan Center eröffnet. Ferner soll in Kürze ein Album mit alten Werken in der neuen Aufnahmetechnik herauskommen. Und am 8. November 2022 wird ein Buch mit dem Titel „The Philosophy of Modern Song“ erscheinen, 60 Essays, in denen er sich mit den Werken von Kollegen und Kolleginnen wie Elvis Costello, Nina Simone, Hank Williams oder dem Traditions-Songwriter Stephen Foster („Oh, Susanna“, „Swanee River“) beschäftigt.

Der Literaturnobelpreisträger schreibt ein Buch. Ja, wenn das keine Sensation ist.

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