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Bob Dylan beim Auftritt. Foto: Martin Benjamin
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Bob Dylan beim Auftritt.

„Bootleg-Series“

Bob Dylan: „Springtime in New York“ – Die nackte Haut unter dem Schulterpolster

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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„Springtime in New York“: Bob Dylan räumt seine Arbeiten aus den frühen Achtzigern auf.

Irgendwann 1984 machte der Dylan-Wanderzirkus wieder einmal Station in Berlin. In der Waldbühne gehörten Weggefährten wie Joan Baez und Carlos Santana mit eigenen Konzertarrangements zum illustren Begleitpersonal, in Dylans Band spielte unter anderen der genialische Stones-Gitarrist Mick Taylor – es war ein kleines Sommerfestival der Poplegenden.

Dylan-Fans gaben sich erleichtert in jenen Tagen, die für sie schlimme Phase religiöser Hingabe schien vorbei. Wie zum Beweis spielte Dylan „Masters Of War“, einen Protestsong aus den frühen Tagen, in einer unglaublich lauten Fassung. Die Anwohnerschaft der Waldbühne hatten damals noch keine Maßnahmen gegen Lärmbelästigung durchgesetzt.

Bald nach dem Konzert nahm Bob Dylan das Album „Empire Burlesque“ auf, das bei der Kritik gnadenlos durchfiel. Dylan war hörbar bis zur Schmerzgrenze bemüht, im Sound der 80er Jahre anzukommen, viele Stücke wirkten überproduziert, Soundballast, der sich anfühlte wie die elastischen Schulterpolster der inflationären Jacketts.

Man müsste nicht weiter darüber reden, fiele das Urteil heute nicht sehr viel milder aus. Nun wird die Haut sichtbar, die sich unter den karierten Hüllen verbarg. Ein weiteres Mal hat Bob Dylan mit dem Albumpaket „Springtime in New York“ Luken in bislang verschlossene Kammern seiner Songfabrik geöffnet und seltene Stücke aus den Regalen gezerrt. Unveröffentlichtes, alternative Versionen von Bekanntem sowie Cover-Exemplare, etwa ein verkratzt-pathetisches „Sweet Caroline“ von Neil Diamond. Warum, zum Teufel, fragt man sich, nimmt einer so was auf, wenn doch klar gewesen sein dürfte, dass es niemals auf ein Album gelangt?

Förderliches Abschweifen

Das ALbum

Bob Dylan: Springtime in New York. The Bootleg-Series 16, 1980 – 1995. 5 CDs. Sony.

Der Studioarbeiter Dylan, lautet meine Antwort, bedarf der permanenten Abschweifung zur Konzentration auf Neues. Nebenwerke, Umwege, Lockerungsübungen – der Reiz von „Springtime in New York“ besteht in der Fülle von schnoddrig Heruntergespieltem und beiläufig Mitproduziertem. Die Versuche, das Soundgefühl einer kreativen Phase in eine Albumeinheit zu pressen, die dann als „der neue Dylan“ in den Markt entlassen wird, erweist sich aus solch einer Perspektive als absurdes Unterfangen, Zeit und Klang anzuhalten – oder laufenzulassen. Das Cover von „Infidels“ zeigt Dylan in Jerusalem, in einigen via Youtube zu besichtigenden Clips spielt er mit Van Morrison vor der Akropolis in Athen. Seher und Sänger vor der Kulisse ewiger Städte.

Dylan selbst hat in den frühen 80ern unter der Produktionsweise einer permanenten Neuerfindung gelitten. In seiner Autobiographie „Chronicles“ hat er einiges über die Phasen des künstlerischen Umherirrens preisgegeben. Schaffenskrise – und das bei dem Mann, dem lyrische Eruptionen nur so aus dem Mund zu fallen schienen.

Der heftige Komiker Bruce

Während „Empire Burlesque“ prall und überladen daherkam, hatte er zuvor auf dem Album „Shot Of Love“ (von 1981), das als letztes der stark gospellastigen Werke gilt, dem künstlerischen Außenseiter Lenny Bruce seine Reverenz erwiesen. Bruce war ein Stand-up-Comedian, der das Genre vom bloßen Witzeerzählen befreit und in bissige Gesellschaftskritik überführt hat. Der Mann, der auch mit Frank Zappa auftrat, eckte nicht nur wegen seiner intellektuellen Schärfe und obszöner Pointen an, 1966 starb er 40-jährig an einer Überdosis Heroin.

Nach den Jahren schwieriger Konversionen ist gerade Dylans Bezugnahme auf den Outlaw Bruce als Statement für Eigensinn und Unbeirrbarkeit aufgefasst worden. Und so changieren diese Aufnahmen zwischen dem Anpassungsdruck an neue Trends und dem Festhalten am Traditionellen. Beinahe unbemerkt blieb das Langpoem „Brownsville Girl“, das Dylan zusammen mit dem Dramatiker und Schauspieler Sam Shepard geschrieben hatte und das auf „Knocked out and loaded“ von 1986 erschien. In einer früheren Fassung ist das Stück, das ursprünglich für „Empire Burlesque“ vorgesehen war und auch eine Hommage an Woody Guthrie ist, als „New Danville Girl“ in dieser Kompilation enthalten. Viel Stoff für Philologen also.

„Dark Eyes“, das Schlussstück der Sammlung, wirft all das Aufgeplusterte der vorangegangenen Produktion über Bord und lässt den großen Song-and-Dance-Man Bob Dylan allein mit Mundharmonika, Gitarre und dem Räsonieren über die Zufallsbegegnung an einer Straßenecke zurück – dort, wo der Folk und Blues herkamen und immer wieder hin müssen.

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