Bob Dylan.
+
Bob Dylan.

Album

Bob Dylan: „Rough and Rowdy Ways“ – Das neue Album schmirgelt und streichelt

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
    schließen

Lange erwartet: das neue Album des Musikers und Nobelpreisträgers Bob Dylan.

  • Bob Dylan legt ein Album mit eigenen Stücken vor
  • Der einstige Protestbarde singt noch immer von Veränderungen
  • Mit „Murder Most Foul“ betreibt Bob Dylan Ahnenpflege

Von den unzähligen Reverenzen, die Bob Dylan als Musiker, der andere Musiker beeinflusst hat, erwiesen worden sind, ist die von Don McLean wohl die berühmteste. In seinem Jahrhunderthit „American Pie“ erscheint Dylan als Spaßvogel, der die Krone des Königs entwendet hat, im Mantel von James Dean und mit einer Stimme von dir und mir. Those were the days. Für Bob Dylan bedeuteten sie wohl auch den Fluch, allzu oft als Lautsprecher anderer Interessen wahrgenommen worden zu sein. Aufbruch, Veränderung, Freiheit, Revolution – welches gesellschaftliche Begehren ließe sich nicht mit ein paar Dylan-Songs untermalen?

Bob Dylan: Der Blick hat sich verdüstert

Seit sehr langer Zeit ist der 79-jährige Dylan jedoch nicht mehr bereit, irgendjemandem seine Stimme zu leihen. Vielmehr scheint er sich in einen Zustand begeben zu haben, multiple Stimmen zur Geltung zu bringen. Manchmal singt er immer noch von Veränderung wie in dem Stück „I Feel A Change Comin’ On“ auf dem Album „Together Through Life“ (2009). Manche sagen mir, heißt es darin, ich hätte das Blut des gesamten Landes in meiner Stimme („I’ve got the blood of the land in my voice“). Bob Dylans Blick auf die Dinge hat sich verdüstert, jedoch nicht im Sinne einer persönlich erlittenen Depression, eher wähnt man ihn in der Rolle des biblischen Sehers oder antiken Dichters. Das war es wohl auch, weshalb man ihm 2016 den Literaturnobelpreis verliehen hat.

Viele zeigten sich verstört, weil Dylan diese Auszeichnung eher gequält zur Kenntnis nahm. Ganz in diesem Sinne heißt sein neues Album „Rough and Rowdy Ways“, das, obwohl es erst am Freitag (18.06.2020) erscheint, ganz so neu nicht ist. Wie viele andere Popstars hat Dylan den Geist des neuen Werks in feinen Dosierungen schon vor einigen Wochen aus der Flasche gelassen. Das Branchenmarketing gewöhnt uns mit Vorabveröffentlichungen an den neuen Sound, und im Falle Dylans schienen es Offenbarungen eines in der Corona-Krise zur Untätigkeit verdammten Künstlers zu sein, der sein Archiv aufgeräumt hat.

Bob Dylans „Murder Most Foul“: Wie ein Stück aus einer frühen Phase

Von der musikalischen Ausstattung her wirkt „Murder Most Foul“, das bereits weithin ausgedeutete 17-minütige Langgedicht über die Ermordung John F. Kennedys, wie ein liegen gebliebenes Stück aus einer früheren Phase, ehe er sich der Aufbereitung des Great American Songbook mit Werken aus der Ära Sinatra gewidmet hatte. Es enthält, wie viele der neuen Sprechgesänge, Anspielungen auf Menschen, Musiker und den Sound eines ganzen Jahrhunderts. Im Vergleich dazu ist „American Pie“ ein recht durchsichtiges Werk.

Bob Dylan indes ist ein Meister des subtilen Verbergens selbst dort, wo es ihm darum geht, anderen Anerkennung zu zollen. Bei der Erwähnung des Songs „Key To The Highway“ denkt der Bluesfan an B. B. King und Eric Clapton, gemeint ist in „Murder Most Foul“ jedoch der bereits 1968 gestorbene Harmonikaspieler Little Walter. Ein anderes Stück trägt den Titel „Goodbye Jimmy Reed“ und ist jenem Bluesmusiker gewidmet, von dem Bob Dylan nicht nur abgeschaut hat, wie man die Mundharmonika zum freihändigen Vortrag per Drahtgestell am Hals befestigt. „Rough and Rowdy Ways“ ist so gesehen ein sehr zeitgenössisches Werk, das die kulturelle Bedeutung des schwarzen Amerikas ins Werk setzt. Dylan betreibt Ahnenpflege selbst dort, wo ein Stück wie „False Prophet“ im Verdacht steht, ein Plagiat von Billy „the Kid“ Emersons „Lovin’ Is Believin’“ zu sein, ein Stop-Time-Blues, der die rohe Seite des Albumsounds intoniert.

Es kratzt und schmirgelt in der Stimme, zum Beispiel in „Crossing The Rubicon“. In den meisten der insgesamt zehn Stücke aber scheint Dylans ramponiertes Gesangsorgan die Ohren der Zuhörer streicheln zu wollen. Sanft, zugewandt und retardierend ist der Sound des Albums, aber nicht schmeichelnd. In „Black Rider“ ist der schwarze Reiter (der Apokalypse) in dunkler Einsamkeit auf den ewig gleichen Pfaden unterwegs, aber nach wenigen Metern ist die Straße schon nicht mehr die gleiche, die sie eben noch war.

Bob Dylan liefert mit „Rough and Rowdy Ways“ ein Alterswerk ohne Nostalgie

Zweifellos handelt es sich bei „Rough and Rowdy Ways“ um ein Alterswerk, aber Bob Dylan hat noch immer keine Zeit für nostalgische Rückschau. Wenn er über die Stücke des Albums verteilt Weggefährten wie Allen Ginsberg oder historische Größen wie Martin Luther King und General William T. Sherman, der im Sezessionskrieg aufseiten der Nordstaaten kämpfte, paradieren lässt, dann kommt das einer geschichtsphilosophischen Vergewisserung in ungewisser Gegenwart gleich. Dylan hat sein Spätwerk mit Leuten bevölkert, die ihren Weg gegen alle Widerstände zu gehen bereit waren. Im von sanften Gitarrenklängen begleiteten „Mother Of Muses“ erbittet das lyrische Ich die Aussicht auf langsame Heimkehr – „a slow coming home“.

Neue Musik vorgestellt: Neue Alben, aber auch alte Songs von Sängerinnen aus dem europäischen Norden und dem Süden der USA

Eines der anrührendsten Stücke befindet sich in der Mitte des Albums: „I’ve Made Up My Mind, To Give Myself To You“. Es ist sparsam, geradezu mild instrumentiert, man könnte versucht sein, es kitschig zu nennen. Das Urteil anderer schert den einsamen Sucher bei der Hervorbringung solcher Klänge jedoch nicht. Es ist eine nicht abreißende Tour – möge sie bald weitergehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare