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Bob Dylan bei einem Aufritt 1978 in Paris.
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Bob Dylan bei einem Aufritt 1978 in Paris.

Album

„Bob Dylan – 1970“: Mit der Bereitschaft zum Üben

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Pop-Archäologie und Werkstattbericht: Das CD-Kompendium „Bob Dylan – 1970“.

Hat er nun „Well“ gesagt oder: „Well, well, well“? Es gibt keine Eindeutigkeit in der Welt der Wiederholungen, und so kann man das Kompendium aus insgesamt 73 Aufnahmen – einige davon sind lediglich kurz angespielte und angesungene Takes –, das nun unter dem Titel „Bob Dylan – 1970 (50th Anniversary Collection)“ den Sinnen der geneigten Hörerinnen und Hörer zugänglich gemacht wird, als multiples Erinnerungsangebot auffassen.

Es bringt – nicht mehr und ganz bestimmt nicht weniger – Dylans sehr früh ausgeprägte Lust und Leidenschaft zum Vorschein, ein und denselben Song in unterschiedliche Gewänder zu kleiden.

„Went To See The Gypsy“, jenes geheimnisvoll-ironische Stück über die profane Suche nach Erleuchtung bei einem schamanenhaften Wesen, kommt – über die drei CDs verteilt – in fünf Fassungen vor. An anderer Stelle, in der schönen Sammlung „Tell Tale Signs“, war es bereits zweifach enthalten. Die ursprüngliche, besser: die am frühesten veröffentlichte Version findet sich auf dem Album „New Morning“ aus dem Jahre 1970.

Bob Dylan sichtet seine Studioaufnahmen

Muss man das alles so genau wissen? Bei der Sichtung seiner Studioaufnahmen ist Bob Dylan inzwischen im Jahr 1970 angelangt. Er sortiert um und stellt neu zusammen. Alte Bekannte kehren zurück, und überraschende Coverversionen werden präsentiert, als seien es Übungslieder zum Warmsingen vor dem Tagespensum im Studio. Buffy Saint-Maries Protestsong „Universal Soldier“, das durch Donovan zu einem Welthit wurde, erscheint hier in einer rasch heruntergespielten Dylan-Version, wohl um die Zunge locker zu machen.

Das Album

Bob Dylan: Bob Dylan – 1970. (50th Anniversary Collection). Columbia / Sony Music.

Was nach einem arbeitsamen Werkstattbericht für Puristen und zwanghafte Sammler klingt, entpuppt sich indes als gut gelaunte Einladung zum Abschweifen. Bob Dylan wirkt um das Jahr 1970 herum aufgeräumt und entspannt. Die Kämpfe um Deutungshoheit und eine aufgedrängte politische Anführerschaft in der Bürgerrechtsbewegung scheinen ausgestanden.

Der Ausflug in die Country-Hochburg-Nashville, wo er das Album „Nashville Skyline“ mit einem Gastauftritt von Johnny Cash aufgenommen hat, muten in der Rückschau an wie ein Befreiungsschlag in Sachen künstlerischer Selbstbestimmung. Auf dem Album „New Morning“ setzt er den eingeschlagenen Weg fort, und ein Stück wie „Time Passes Slowly“ zeugt von Dylans Freude an ausgelassener Albernheit.

Während der Titel eine philosophische Gratwanderung suggeriert, geht es in dem Stück tatsächlich um die triefende Langeweile, die der junge Liebhaber beim gemeinsamen Besuch mit der Freundin bei deren Mutter empfindet. „Time passes slowly, when you’re searching für love“.

Bob Dylans Stimme ist sanft und experimentierfreudig, „If Not For You“, das später durch Olivia Newton-John zu einem Hit wurde, beweist, dass Dylan keine Scheu davor hat, ein vergleichsweise lapidar daherkommendes Liebeslied zu schreiben, hier zu hören in insgesamt acht sehr unterschiedlichen Versionen.

Bob Dylan als Frickler im Studio

Bob Dylan war trotz der ihm nachgesagten Direktheit, aus der manch ikonischer Song gleich beim ersten Versuch abgehakt werden konnte, ein Frickler im Studio. Der Einsatz von Klavier, Orgel oder String-Gitarren variierte. Mitunter werden Basslinien eingestreut, die wenig später vor allem im Jazz-Rock dominant wurden.

Echte pophistorische Perlen sind natürlich jene Stücke, bei denen George Harrison am 1. Mai 1970 mitgewirkt hat, darunter „All I Have To Do Is Dream“ von den Everly Brothers. Spätestens von hier an reifte eine jahrzehntelange Freundschaft zwischen Dylan und George Harrison bis zu dessen Tod im Jahre 2001. Während Harrisons Krebsbehandlungen beherbergte Dylan ihn in seinem Haus in Malibu.

Ende der 80er Jahre waren nicht zuletzt aus dieser musikalischen Freundschaft die zwei Alben der Supergroup The Travelling Wilburys hervorgegangen, zu der neben Dylan und Harrison auch Roy Orbison, Tom Petty, Jeff Lynne und Jim Keltner mit von der Partie waren.

Wie sehr der Live-Musiker Bob Dylan, dessen rege Bühnenpräsenz erst durch die Corona-Pandemie gestoppt werden konnte, auch ein Sensorium für Studioarbeit hatte, zeigt eine Reverenz für den Country-Musiker Charlie Daniels, der bei einigen dieser 1970er-Aufnahmen ebenfalls dabei war. In seiner Autobiografie „Chronicles“ berichtet Bob Dylan ausdrücklich von der Bedeutung des kürzlich verstorbenen Daniels für das atmosphärische Gelingen dieser Sessions.

Natürlich ist die drei CDs umfassende Sammlung kaum mehr als ein Stück Pop-Archäologie. Kurz vor dem 80. Geburtstag Dylans aber verweisen diese Hervorbringungen aus dem Jahr 1970 darauf, dass Kreativität und Zeitgenossenschaft nicht nur etwas mit der Gunst des Einfalls, sondern auch der Bereitschaft zum Üben zu tun haben.

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