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Marianne Faithfull veröffentlicht ein grandioses neues Album.

Marianne Faithfull

Blues, bleib weg, bleib weg

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Marianne Faithfulls grandioses neues Album "Negative Capability".

Es ist der Blick einer ungebrochenen, stolzen Frau, der einen von der Hülle zu „Negative Capability“, dem neuen Album von Marianne Faithfull, trifft. Der Krückstock musste mit ins Bild. Eine Frau, die in Würde altert, verbirgt ihre Gebrechen nicht. Einst, im London der Swinging Sixties, ist sie Everybody’s Darling gewesen, eine Ikone dieser Zeit. Dann hat sie eine Phase überlebt, die von Heroinabhängigkeit, Alkoholsucht und Obdachlosigkeit geprägt war. Und vermochte sich hernach als Künstlerin mit Alben wie dem fulminanten Comeback „Broken English“ von 1979 zu emanzipieren. Vermochte sich darüber hinaus als Schauspielerin (unter anderem in „Irina Palm“) einen Namen zu machen. Ende des Jahres wird sie 72 Jahre alt, sie ist, wie sie es selber von sich sagt, „the loneliest girl of the world“, aus ihrer Wohnung in Paris kommt sie kaum noch heraus.

Es ist ein starkes Alterswerk, das sie da vorgelegt hat. Die Instrumentierung ist beinahe durchweg karg. Gleich in „Misunderstanding“ umspielt der dunkle Ton der Bratsche von Warren Ellis die Stimme; Ellis kennt man als Multiinstrumentalisten von Nick Caves Band The Bad Seeds. Erinnerung, Trauer und Melancholie sind die Motive der Songs, die Faithfull mit ihrer charakteristischen, seit jeher in einer reizvollen Art brüchigen, inzwischen tiefer als einst gelagerten Stimme vorträgt. Dies im halb gesprochenen Stil einer Diseuse, mit einer nicht nachlassenden Nachdrücklichkeit von Nummer zu Nummer. Die Texte hat sie, von zwei Coverversionen abgesehen, selbst geschrieben.

„Blues stay away, stay away from me / I hate to lose old friends“, heißt es in „Born To Live“. Dieser Song gilt der Erinnerung an Anita Pallenberg, der ersten Frau von Keith Richards, einer Freundin aus den frühen Tagen. „Pray for a good death, one for me, one for you“, lautet eine Zeile. „Do Not Go“ gilt ihrem langjährigen, an Krebs verstorbenen Gitarristen Martin Stone. Aufgenommen worden ist das Album in Paris, unter der Produktionsregie von Rob und Warren Ellis.

Nick Cave ist mit seiner dunklen Stimme der Duettpartner im dicht arrangierten, von Shakespeares „A Midsummernight’s Dream“ inspirierten „The Gypsy Faerie Queen“. Die Musik zur in hervorstechender Art harschsten und düstersten Nummer, „They Come At Night“, einer Auseinandersetzung mit dem Anschlag auf das Bataclan in Paris, geht auf Mark Lanegan zurück.

Getragener als das Original, mit nicht viel mehr als der akustischen Gitarre und Warren Ellis nun an der Geige, ist Faithfulls dritte Fassung von „As Tears Go By“, ihrem 1964 veröffentlichten, damals aufwendig instrumentierten ersten Hit, den Jagger/Richards der bei der Aufnahme 17-Jährigen auf den Leib geschrieben hatten. Da schließt sich ein Zirkel: Der Song erzählt von einem grübelnden alten Menschen, der auf einem Spielplatz verschmitzt dem Treiben der Kinder zuschaut: „Doing things I used to do, they think are new“. Ellis’ Geige ist desgleichen prägend für Faithfulls hinreißende Anverwandlung von Dylans „It’s All Over Now, Baby Blue“.

Ein grandioses Alterswerk – da ist der Vergleich mit dem Spätwerk von Johnny Cash natürlich schnell zur Hand. Dagegen freilich hat sich die große alte Dame in einem Interview verwahrt. „Ich bin noch nicht tot, da kommt noch mehr“. Das ist eine Haltung, die ihr bestens steht.

Marianne Faithfull: Negative Capability. Panta Rei/BMG.

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