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Ob diese Pariserin gerade Umweltprotestsongs hört?

Protestsongs

Was ist bloß mit dem Wasser los?

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Die weitsichtigen Autoren des Pop haben schon früh damit begonnen, sich Sorgen um das Klima zu machen. Eine kleine Geschichte des Umweltsongs.

Obwohl es mit dem Aufräumen, wie Archäologen inzwischen belegen können, beim legendären Woodstock-Festival vor 50 Jahren nicht so richtig geklappt hat, dürfen die damals stark vertretenen Hippies doch eine gewisse Urheberschaft auf des Genre des Umweltsongs erheben. So jedenfalls kann man Joni Mitchell verstehen, die zwar beim Festival von Woodstock nicht dabei war, sich aber von ihrem damaligen Freund Graham Nash alles haarklein hat erzählen lassen. „We are stardust/we are golden“, singt sie in ihrem Lied „Woodstock“, „but we got to get ourselves back to the garden“. 

Zurück zur Natur war das Gebot der Stunde, und Ende der 60er Jahre war diese Sehnsucht nach einfacher Erdverbundenheit weniger Ausdruck individueller Schuld als einer Angst vor der nuklearen Katastrophe. Der blauäugige Junge, den Bob Dylan in einem seiner größten Hits besungen hat, fürchtet sich nicht ausdrücklich vor der Bombe, aber der schwere Regen („A Hard Rain’s A-Gonna Fall“) wurde weithin als Metapher einer nuklearen Katastrophe verstanden. 

Bob Dylan war keineswegs der einzige, der diese Stimmungslage bediente. Ein in seiner sprachlichen Wucht drängender Protestsong aus dieser Zeit ist Barry McGuires „Eve of Destruction“, in dem vor der politischen Weltlage in ihrer selbstzerstörerischen Zwangsläufigkeit gewarnt wird. Die jungen Leute seien alt genug, um als Soldaten andere Menschen töten zu sollen, zu Hause aber dürfen sie noch nicht einmal wählen gehen. Was McGuire besingt, ähnelt ein wenig dem Gefühl des Ausschlusses, das die heutigen Klimakinder beschleicht, wenn sie ihre Freitagsbotschaft an Politiker richten, von denen sie glauben, dass diese ihre Zukunft verspielen. 

Zur besinnlichen und musikalischen Untermalung folgt hier eine kleine, subjektiv ausgewählte Geschichte der besungenen Sorge um die Welt, in der wir leben.

Mein Freund, der Baum – Alexandra 

Protest lag in der Luft und wanderte auch in den deutschen Schlager ein, dem die 1969 bei einem Autounfall tödlich verunglückte Alexandra zugerechnet wurde, obwohl sie sich ihm bedeutungsschwer zu entziehen versuchte. „Mein Freund, der Baum“ handelt vom Absterben eines mächtigen Natursymbols. Warum er gefällt wurde – eine Straße, ein Supermarkt? – verrät Alexandra nicht. Aber gerade das Unkonkrete macht aus dem Baum aus der Kindheit eine zeitkritische Metapher. Lange bevor das Waldsterben zur deutschen Angst wurde, hat Alexandra ihm eine emotionale Ausdrucksform verliehen. Der Wald, schreibt der Schriftsteller Elias Canetti in seiner großen literarisch-anthropologischen Studie „Masse und Macht“, sei das Massensymbol der Deutschen. Er verleiht dem deutschen Wesen Tiefe und eine geheimnisvolle Undurchdringlichkeit. Zwei Attribute, die oft auch zur Charakterisierung Alexandras verwandt wurden.

„Mein Freund, der Baum“ behandelt das Thema Umweltzerstörung bereits 1968. Es dauerte dann aber noch ein paar Jahre, bis im deutschen Schlager sozialkritische Themen zum guten Ton gehörten.

Big Yellow Taxi – Joni Mitchell 

Um ihre große Kunst, luftig-leichte und zugleich tiefsinnige Lieder zu schreiben, wurde Joni Mitchell von vielen ihrer Kollegen beneidet. David Crosby, mit dem Mitchell für einige Zeit liiert war, hat ihr kürzlich noch einmal bescheinigt, die beste Songschreiberin von allen gewesen zu sein. Von allen, das war damals mindestens der unmittelbare Kollegenkreis, zu dem Neil Young, Stephen Stills und Graham Nash gehörten. Dabei schien Joni Mitchell auf ganz naive Weise zu ihren Liedern zu kommen. Auf die Idee zu ihrem großen Hit „Big Yellow Taxi“ von 1970 sei sie auf Hawaii gestoßen. Eines Morgens habe sie aus ihrem Hotelfenster geblickt und sei fasziniert gewesen vom überwältigenden Anblick der ungestümen Wellen und der Weite. Ihr zweiter Blick sei dann aber nach unten gegangen, wo ein riesiger Parkplatz ihr die Stimmung versaute. Wir wissen nicht, was wir haben, singt sie wehmütig, ehe wir es für immer verloren haben. Von der einfachen Beobachtung ausgehend, wird Joni Mitchell in dem Song schnell politisch. „Hey, Farmer, Farmer, put away the DDT now“. Das Wort Pestizide hätte nicht so gut ins Lied gepasst, aber die Folgen von Pflanzenschutzmitteln für Vögel und Bienen spricht sie ganz unmittelbar an. Mitchell war eine der ersten, die die Bedrohung der Bienen literarisch verarbeitet hat. In „Big Yellow Taxi“ ist sie aber weniger pathetisch als bissig-ironisch. Wir fällen die Bäume, singt sie, und bringen sie anschließend im Baum-Museum unter, wo man sie für 1,50 Dollar besichtigen kann.

Das Museum gibt es tatsächlich. Mitchell hatte dabei den Foster Botanical Garden in Honolulu vor Augen, in dem tropische Pflanzen zu besichtigen sind. Im zweiten Teil des Songs kommt dann auch noch die Liebe ins Spiel, was die politische Botschaft zu einer universellen macht.

Where Do The Children Play – Cat Stevens 

Es klingt heutig und wirft bereits zu Beginn die Frage nach der persönlichen Ökobilanz auf, stammt aber aus dem Jahr 1970. Auf seinem wohl besten und erfolgreichsten Album „Tea For the Tillerman“ thematisiert Cat Stevens, der später unter dem Namen Yussuf Islam auftrat, gleich eine ganze Palette von sozialen Themen, „Where Do the Children Play“ fasst die ökologische Katastrophe ins Auge, an der alle teilhaben, wenn sie ins Flugzeug steigen und sich von immer größer werdenden Trucks versorgen lassen. 

Cat Stevens’ Mahnung, dass wir die Zukunft unserer Kinder verbrauchen, war eingebettet in einen gefälligen Popsong, es klang gut, und wer es hörte, wähnte sich auf der sicheren Seite, wenn es aus dem Kassettenrecorder eines kleinen R4 erklang.

Don’t Go Near The Water – Beach Boys 

Das Umweltthema lag in der Luft und hatte auch jene erreicht, die lange Zeit von Wind, Wellen und guter Laune gelebt zu haben schienen. In dem Song „Don’t Go Near the Water“ raunen die Beach Boys von der Verseuchung des Wassers durch Zahnpasta, Seife und überflüssige Bubbles. Die ökologische Katastrophe, so Mike Love und Alan Jardine in ihrem Stück, beginne bei dir und mir. Als sie das Lied zum Besten gaben, übrigens keineswegs in dem genial-süßlichen Beach-Boys-Sound, da hatte sich deren legendärer Komponist Brian Wilson bereits zurückgezogen und sich der gefährlichen Selbstvergiftung aus Depression und Drogen überlassen.

Reichtum der Welt – Holger Biege 

Zu den umtriebigen Textern und Komponisten des deutschsprachigen Pop gehörte der 2018 gestorbene Holger Biege, der zunächst in der Ost-Berliner Schubert-Band spielte und mit seinen beiden Amiga-Alben „Wenn der Abend kommt“ und „Circulus“ Ende der 70er Jahre eine beachtliche Solokarriere startete. Auf Letzterer findet sich auch das „Reichtum der Welt“, in dem er danach fragt, ob es ihn morgen noch geben wird. „Die Luft, die uns erst leben lässt,/ hüllt den Erdball ein./ Soll für alle, die nach uns kommen,/ sie schon vergiftet sein?“

Halte durch – Gerhard Gundermann 

Der in mancherlei Hinsicht ultimative Umweltsong stammt natürlich von Gerhard Gundermann von dessen 1988 veröffentlichtem Album „Männer, Frauen, Maschinen“. Die Durchhalteparole richtet Gundermann in dem rockigen Song an Mutter Erde („Halte durch, wenn’s irgendwie geht/ bist doch ’ne kluge Frau“). In Gundermanns Lied muss die Geschundene viel aushalten, weil die Menschheit sich wenig um die Schöne schert und sehr ruppig mit ihr umgeht. Aber als Gundermann dieses Lied herausbrachte, ging es natürlich um eine ganze andere Art, sich tapfer zu behaupten. Und so wurde es wohl auch verstanden.

Nothing But Flowers – Talking Heads

Irgendwann gehörte der Umweltsong zum festen Repertoire eines guten Songschreiberhaushalts. Joe Walsh von den Eagles schrieb den „Song For a Dying Planet“ und Michael Jacksons „Earth Song“ ist samt Video popmusikalisch perfekt durchgearbeitetes Pathos. Da blieben ironische Relativierungen nicht aus. AC/DC etwa hämmerten lautstark dagegen und beharrten auf musikalische Ausnahmeregelungen: „Rock & Roll Ain’t No Noise Pollution“. Sehr viel subtiler gingen allerdings David Byrne und die Talking Heads zu Werke. Auf ihrem Album „Naked“ von 1988 beklagen sie den zunehmenden Trend, alles schützen und zum Paradies erklären zu wollen. Wo sind nur all die stinkenden Autos geblieben? Früher gab es große Parkplätze, heute gibt es nur Blumen, wohin man auch schaut. Ein schönes Lied eigentlich.

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