+
Marina Abramovic beim Reiskorn-Zählen.

Alte Oper

Bloß nicht an Honolulu denken

  • schließen

Marina Abramovics „Methode für Musik“ in der Alten Oper macht glücklich - hinterher.

Der Saal dröhnt. Alle machen Oooo. Dann Aaaa. Schließlich Eeee. Der Sound schwillt an und wieder ab. Es klingt beeindruckend. Wie immer, wenn eine Masse im Einklang ist. Vorne steht Marina Abramovic und gibt den Ton vor. Das Publikum ist mit voller Kehle dabei. Es ist gewohnt sich einzubringen. Wer am Konzertabend in der Alten Oper Frankfurt dabei sein wollte, musste in den Tagen davor zwei dreieinhalbstündige Workshops absolvieren. Musste Achtsamkeit und Konzentration trainieren, auch Durchhaltevermögen üben.

Die „Abramovic-Methode für Musik“ sieht vor, dass das Publikum sich vorbereitet, um hernach bei einem klassischen Konzert fünf Stunden lang „ungefilterte, authentische Hörerfahrungen“ machen zu können. Was gespielt wird, wird nicht verraten. „Alle Besucher*innen sollen ganz ihrer eigenen Wahrnehmung vertrauen - unbeeinflusst von Vorwissen oder vorgefassten Haltungen über Komponist*innen oder Werke.“

Viel Vorwissen habe ich bei klassischer Musik tatsächlich nicht. Ich mag sie. Manchmal. Vor allem dann, wenn man sie ohne den steifen Rahmen eines Klassikkonzerts erleben kann. Unter „authentischen Hörerfahrungen“ kann ich mir allerdings wenig vorstellen. Es gehe darum, so Abramovic bei ihrer Einführung, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Wer in einem klassischen Konzert sitze, während der Kopf in Honolulu ist, habe nichts davon, sagt die Künstlerin. Stimmt natürlich. Deswegen haben wir auch alle brav unsere Mobiltelefone an der Garderobe gelassen, machen jetzt inbrünstig „mmmmm“, und ich fühle mich wie beim Aufnahmeritus einer Sekte.

Das Konzert beginnt konventionell mit einem Geigensolo (vorne) und Bonbonpapierrascheln (hinter mir). Das Stück erscheint mir schrill, nervös, nichts zum Dahindämmern. Ich konzentriere mich. Versuche, Erfahrungen aus dem Workshop abzurufen - und erinnere mich daran, wie unangenehm es sich angefühlt hat, als ich plötzlich auf einen stark behaarten Männerarm stieß, während ich mit verbundenen Augen, abgedichteten Ohren und diversen anderen Teilnehmern durch ein abgetrenntes Areal geirrt war.

Es folgt asiatisch klingendes Geklimper - sehr nett, klingt ein bisschen nach Chinarestaurant. Kenner mögen verzeihen, besser weiß ich es nicht. Authentische Hörerfahrung eben. Jetzt setzt die Orgel ein - aber nicht so erhebend und wuchtig wie man das etwa von Bach kennt, sondern so, dass ich mich an die anstrengenden Gottesdienste aus meiner Konfirmandenzeit erinnert fühle. Vielleicht, denke ich, muss das so sein.

Ich muss plötzlich an das strenge Gesicht der fremden Frau denken, der ich beim Workshop so lange in die Augen gucken sollte „wie sich das für mich richtig anfühlte“. Am liebsten wäre ich gleich wieder aufgestanden, hätte das aber unhöflich gefunden. Immerhin: Ihr Gesicht wirkte weicher mit der Zeit.

Ein Mann mit Querflöte betritt den Saal. Er spielt ein zartes, melancholisches Stück. Ich muss an Vögel im Frühjahr denken - und verachte mich für dieses Klischee. Dann: sphärische Klänge, ziemlich dissonant, vermutlich als Kontrast. Und wieder Streicher, diesmal in einer dunkleren Tonart. Meine Aufmersamkeit sackt weg. Jetzt bloß nicht an Honolulu denken! Wie spät es wohl ist? Ach, verdammt. Im Workshop gab es diesen Haufen aus Reiskörnern und kleinen schwarzen Beluga-Linsen, die man voneinander trennen und zählen sollte. Es war die einzige Übung, auf die ich mich gefreut hatte: Endlich eine Aufgabe, hatte ich gedacht - bis ich festgestellt hatte, dass ich mit Zählen innerhalb von dreieinhalb Stunden unmöglich fertig werden konnte. Ich änderte die Taktik und beschränkte mich darauf schwarz von weiß zu trennen. Es dauerte lange. Sehr, sehr, sehr lange. Ich schaute nach rechts und links. Sah Menschen aufgeben, sah andere Menschen Muster legen, einer formte sogar einen speienden Vulkan. Und verfolgte verbissen mein Ziel. So bin ich wohl. Kurz bevor ich es tatsächlich erreicht hatte, befiel mich sogar ein flüchtiges Gefühl der Euphorie. Seht her, hätte ich gerne gerufen, weil keiner guckte. Aber klar, darum ging es hier natürlich nicht.

Im Vergleich mit dem, was Abramovic kann, ist so ein Haufen Reiskörner natürlich gar nichts. In zahlreichen Aktionen hat die Künstlerin, die 1946 in Belgrad geboren wurde, Leidensfähigkeit und Ausdauer bewiesen. Für die Aktion „Rhythm 0“ hatte sie sich 1974 sechs Stunden lang einem Galeriepublikum ausgeliefert und wurde gequält. Später peitschte sie sich aus, tanzte nackt bis zur Bewusstlosigkeit, schnitt sich ein Pentagramm in den Bauch und blieb reglos auf einem Eisblock liegen. Berühmt wurde Abramovic 2010 mit der Aktion „The Artist Is Present“, für die sie knapp drei Monate lang jeden Tag mindestens sieben Stunden auf einem Stuhl im New Yorker Museum of Modern Art saß und ein wechselndes Gegenüber fixierte.

Ich fühle mich wie eine Memme: Ein paar läppische Stunden mit Klassik und Weltmusik, und schon sehne ich mich nach zu Hause. Verdammt. Ich will ja wirklich nicht an Honolulu denken, aber heimlich wünsche ich mir jetzt einen Auftritt von André Rieu oder David Garrett herbei, einfach, damit es mal weniger anspruchsvoll ist.

Als ich schließlich aufstehe, geht es besser. Vorne, da wo die Musiker spielen, liegen diverse Zuhörer flach auf dem Boden. Ich lege mich dazu, das funktioniert eine Weile ganz gut. Bis ich wieder an Honolulu denken muss. Im Workshop bin ich lange Wege in Zeitlupe gegangen. Es war nicht einmal schlimm, fast schon schön. Manche machen das jetzt, schleichen von vorne nach hinten an den Sitzreihen entlang. Ich käme mir viel zu beobachtet vor.

Langsam werde ich wütend. Was mich daran erinnert, dass ich im Workshop auf eine rote Fläche starren sollte. Ich starrte und starrte, aber es passierte rein gar nicht. Außer dass ich wütend wurde, dass nichts passierte, was womöglich ja doch etwas und nicht nichts war. Jetzt bin ich also wütend, weil die Abramovic-Methode bei mir einfach nicht funktionieren will. Ich langweile mich fürchterlich, und frage mich, wer bitte schön in der Lage sein soll, sich fünf Stunden lang auf Musik zu konzentrieren? Geht es hier etwa wirklich darum, etwas durchzuhalten. Für wen eigentlich?

Ich gehe vorzeitig hinaus. Mit schlechtem Gewissen erst, dann auch ein wenig stolz, dass ich mich dem Gruppendruck entzogen habe. Genieße die Luft, die Geräusche, den Duft des Frühlings. Hätte ich ohne Abramovic wohl nicht getan.

Ziemlich viel Vorarbeit für einen kurzen Moment des Glücks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion