Alles im Fluss

Bl!ndman im Frankfurter Mousonturm

Die Mitglieder von Bl!ndman verwandeln sich zu Führern durch ein imaginäres Museum, in dem die Möglichkeiten von Musik versammelt sind. Aber gerade da lauert auch Gefahr.

Von TIM GORBAUCH

Spärliches Licht fällt auf die in die Tiefe hin geöffnete Bühne. Schemenhaft bilden sich Gestalten im Dunkel ab, werden umso greifbarer, je mehr sich das Auge an das Schwarz gewöhnt. Vier Saxofone sitzen da einander zugewandt. Daneben verstreuen sich vier Percussionisten und vier Streicher. Sie alle wandern im Lauf des Abends, verändern sich, nehmen eine andere Position ein, suchen neue Konstellationen. Das eherne Konzertritual, das auf starrer Anordnung beruht, ist durchlässig geworden. Die Bühne ist hier nicht nur Podium, sie ist Raum, ein Ort, der theatral erfasst werden kann, der mit Licht und wechselnden Symmetrien inszeniert wird.

Die Musik, die dazu ertönt, ist zunächst amorph. Auch sie muss ihre Kontur erst finden. Und auch sie wandert. Von der minimal music hin zu Helmut Lachenmann und zurück zu John Cage und Charles Ives, aber auch quer durch die Jahrhunderte. Das belgische Bl!ndman-Ensemble, dessen Name auf eine von Marcel Duchamp 1917 in zwei Auflagen publizierte Kunstzeitschrift zurück geht, hat immer schon versucht, die alte Musik mit der neuen kurzzuschließen. Die Extreme ihres Interesses markieren die Ars nova auf der einen, die Gegenwart auf der anderen Seite. Dazwischen ein riesiges Loch, die klassisch-romantische Epoche, der Mainstream, der vom Konzertbetrieb ohnehin bearbeitet wird. Bl!ndman nimmt sich des Verdrängten an.

Im Strom der Klänge

Aus 23 einzelnen Teilen setzt sich "Kwadratur #1 / Globus" zusammen, das der Mousonturm Frankfurt als (also etwas spätes) Neujahrskonzert annonciert hat. Den Anfang macht "Ruisveld", vom Bl!ndman-Gründer Eric Sleichim im letzten Jahr komponiert, zum Ende ertönt eine Partita Johann Sebastian Bachs. Doch es geht weniger darum, die 23 Stücke als Einzelwerke zu identifizieren, als vielmehr um den Strom der Klänge. Deshalb können es sich die Belgier auch leisten, eine komplexe Komposition wie Helmut Lachenmanns "Pression" nur in Ausschnitten zu spielen.

Bl!ndman verwandeln sich zu Führern durch ein imaginäres Museum, in dem die Möglichkeiten von Musik versammelt sind. Aber gerade da lauert auch Gefahr. Im dauernden Fluss ebnet sich Musik ein, sie verliert ihre Identität zugunsten eines diffusen Gefühls, einer nebulösen, im Bühnenschwarz versinkenden Stimmung, die vorgibt, selbst Kunst zu sein.

Duchamp, der Namenspatron, hätte über eine derart artifizielle Haltung nur gespottet. Der Musik jedenfalls tut die Inszenierung auf Dauer nicht gut. Sie wird in einen Rahmen gepresst, der ihr zu klein ist und Unterschiede nicht zulässt. Man schließt die Augen, lässt sich forttragen.

Nichts stört den freien Flug der Gedanken. Nichts bringt den Strom ins Stocken. Ein Pissoir, denkt man, das wäre jetzt gut, etwas, das sich quer stellt: Duchamps Fontaine eben. Aber dass man damit provozieren konnte, ist nun auch schon 90 Jahre her.

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