+
An der schönen blauen Konzerthalle: Kopenhagens Zuwachs für die Kunst.

Kopenhagen

Der blaue Klang

  • schließen

Jean Nouvels Konzerthaus in Kopenhagen wurde jetzt mit einer Uraufführung eröffnet. Es herrscht hier ein Geist der Behutsamkeit und Präzision. Von Hans-Jürgen Linke

Kobaltblau ist der Kubus, aber man glaubt ihm die Farbe nicht ganz. Das neue Konzerthaus des Dänischen Rundfunks (DR) am südöstlichen Rand von Kopenhagen hat eine transparente Glasfiber-Außenhaut, die über ein System von Stahlstreben und Kabeln gespannt ist und den Blick von außen nach innen wenig behindert. Was außen zu sehen ist, ist ständig in Veränderung begriffen, vage Figuren und Bewegungen sind erkennbar, die kalte Farbe selbst gibt dem Bau etwas Signalhaftes.

Ganz anders geht es innen zu, wo Baustellengerüche noch nicht ganz verflogen sind. Der eigentliche Konzertsaal steht wie eine Installation in diesem transparenten Kubus, aufgehängt an drei Treppentürmen und auf schlanken Säulen gelagert, eine Betonkonstruktion mit eigener Statik und einer vielfach gebrochenen Außenfläche, die wiederum für Lichtprojektionen benutzt wird. Jean Nouvel, der diesen Bau entworfen hat, hatte sich von dem Meteoriten in Peter Hoegs "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" inspirieren lassen.

Die kubische blaue Hülle ist mit 40 Metern Traufhöhe eines der höchsten Gebäude in Kopenhagen, aber man kann ihr kaum vorwerfen, dass sie sich nicht brav in ihre Umgebung einfügte. Nur ist diese Umgebung noch keine urbane. Das Konzerthaus ist Teil eines großen Gebäudekomplexes, in dem der Dänische Rundfunk seine neue Heimstatt hat und der den Namen "DR-Byen", also DR-Stadt trägt. In der Umgebung gibt es eine sozial offenbar nicht ganz unproblematische Stadtrand-Plattenbau-Ballung und unverbunden damit einen um die hundert Jahre alten Backstein-Mietshaus-Stadtteil; es gibt die Station der eigens gebauten Metro-Linie zum nahen Flughafen, und das dänische Widerlager der Öresund-Brücke ist auch nicht weit. Der neue Stadtteil, der hier entsteht, auf der Insel Amager, hat den Namen Örestad bekommen und wird nicht zuletzt durch die Pendlerströme belebt, die die Öresund-Brücke zwischen Malmö und Kopenhagen ermöglicht.

Auch für die Konzerthalle erhofft sich der DR nicht nur ein Kopenhagener Publikum, das den Weg aus der Innenstadt (die auf der Insel Seeland liegt) an den Stadtrand in Kauf nimmt, sondern auch Schweden, die über die Brücke kommen. Entsprechend ist der Parkraum dimensioniert. Aber dass die Konzerthalle sich nicht in eine Investitionsruine verwandelt, dürfte noch keineswegs sicher sein. Denn vorerst hat sie vor allem als Skandalträger von sich reden gemacht. Kosten, Bauzeit und Probleme entwickelten sich in einem aufsehenerregenden Maße ungünstig und prägten das öffentliche Bild der Projekte in diesem Stadtteil.

Der Konzertsaal, 1800 Plätze, ist angenehm gegliedert, das Interieur ist von warmen Orange- und Brauntönen bestimmt. Es gibt einen Eindruck von Harmonie, fließende Formen, kaum rechte Winkel und keine Symmetrie. Alles erinnert ein wenig an das Vorbild von Scharouns Berliner Philharmonie, wenngleich der Eindruck von Weite fehlt. Obwohl das Publikum recht nahe um die Bühne sitzt, sorgen die vielfach gegliederten Balkone für eine fast intime Situation. Neben dem großen Konzertsaal gibt es drei Studios, deren akustische Konstruktion jeweils für andere Konzert-Typen ausgelegt ist. Zwei Säle fassen jeweils 200 Zuhörer, der dritte 600.

Die Akustik aber, für die Yasuhisa Toyota verantwortlich ist, der auch für die Hamburger Elbphilharmonie arbeitet, scheint vorbildlich. Der Orchesterklang im großen Saal ist transparent, präzise und auf unaufdringliche Weise fein und intim, nur bei Fortissimo-Passagen gibt es im Parkett Überlagerungs-Effekte. Das Orchester des Dänischen Rundfunks ist noch dabei, seinen neuen Saal kennen zu lernen, aber die Chance, dass hier ein neues Schwergewicht des skandinavischen Musiklebens entsteht, ist gegeben.

Nach einer prominent besetzten Eröffnungsgala vor knapp zwei Wochen wurde jetzt der Saal künstlerisch eröffnet mit der Uraufführung einer Auftragskomposition, mit der der Dänische Rundfunk den Komponisten Per Noergard betraut hatte.

Noergard widmete dem großen Ereignis und dem neuen Bau seine siebte Sinfonie. Der Parameter des Rhythmischen spielt darin eine stark pointierte Rolle, indem das Werk eine selbst wieder rhythmisch gegliederte Abfolge verschiedener Zustände zeichnet und dabei mehrfach zu komplexen Überlagerungen und innerorchestralen Dialogsituationen und Kumulationen kommt.

Das Konstrukt aber ist nicht zugespitzt, sondern lebt eher von einer kleinflächig dahintreibenden Dramaturgie, die sich gleichwohl immer wieder zu generösen, zuweilen massiven Klanggebilden aufstaut. Ein großes Sortiment perkussiver Instrumente ist in den Orchesterklang eingefügt, ohne ihn zu übertönen. Tutti-Passagen sind wie aufgereiht an einer vielgestaltigen Schnur solistischer Phasen in fast allen Instrumentengruppen. Die Instrumentation ist klangreich, überaus originell und mit sensibler Balance gearbeitet.

Für Noergard selbst spielt ein über die Jahrzehnte hinweg geführter imaginärer Dialog mit Jean Sibelius offenbar eine viel größere Rolle als eine Auseinandersetzung mit oder gar Absetzungs-Bewegung von der Tradition einer kontinentalen Neutöner-Avantgarde. Er bewegt sich in einem Kontext musikalischer Sprachen, den man nordisch verorten kann und der ohne neurotische Selbstbehauptungs-Affekte auskommt. Bei der Uraufführung erklang Noergards siebte vor Mahlers zweiter Sinfonie, eine Programmierung, die Selbstbewusstsein demonstriert.

Das Dänische Rundfunkorchester hat mit Thomas Dausgaard zum ersten Male in seiner Geschichte einen dänischen Chefdirigenten. Er leitet den Klangkörper mit großem Engagement und gestaltet Noergards und Mahlers Musik ist feinsinnigem Blick für die Details, die aus sich selbst heraus die dramatischen Strukturen bilden. Vorerst herrscht hier ein Geist der Behutsamkeit und Präzision. Das wird die Gewöhnung des Publikums an den neuen Saal und des Orchesters an die neue Arbeitssituation fördern.

www.dr.dk/koncerthuset

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion