Bob Dylan im Wiltern Theatre in Los Angeles.
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Bob Dylan im Wiltern Theatre in Los Angeles.

Dylan-Konzert in Frankfurt

Die Blätter beginnen zu fallen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Bob Dylan macht auf seiner Never-Ending-Tour in der Frankfurter Festhalle Station. Einen Spaß kann sich der Konzertbesucher daraus machen, die Setlist zu dechiffrieren.

Nach gut anderthalb Stunden ist schon Zugaben-Zeit, der feine Don Herron, seit 2005 in Bob Dylans Band, greift zur Geige, es wird flott countryesk, Dylan selbst sitzt wieder am Piano, klimpert und singt (zum Thema Singen gleich mehr) – und es dauert eine ganze Weile, bis der Groschen fällt: Es handelt sich um „Blowin’ in the Wind“. Hunderte Male gehört. Und beinah’ nicht erkannt.

Allerdings gibt es seit Jahren in den Konzerten des großen Bob Dylan (oh ja, er ist ein Großer, auch wenn man zunehmend hingeht, weil es sich eben um Bob Dylan handelt), gibt es also gewisse Konstanten: Sie beginnen pünktlich – Festhalle Frankfurt: 20 Uhr –, sie verweigern jeden Schnickschnack – Vorgruppe, Einstimmungsmusiksoße vom Band, Videowand –, Dylan richtet von unterm Cowboyhut kein einziges Wort ans Publikum und er spielt seine Lieder nicht so, wie man sie kennt. Literaturnobelpreis hin oder her, er begreift sich nicht als Dichter und schon gar nicht als Papagei, als tongetreuer Reproduzent seiner Hits, er begreift sich als Musiker.

Vertraut: das kaum verständliche Nuscheln 

Wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, dann ist es sein neues Album „Triplicate“, drei CDs voller Titel aus dem Great American Songbook, von denen er an diesem Abend in Frankfurt sechs singt. Vermutet man zu Recht einen Hauch von Witz in der Wahl von Cy Colemans „Why Try to Change Me Now“? Es ist der fünfte Song in diesem Konzert, plötzlich versteht man sogar den Text, plötzlich liegt Leichtigkeit und Eleganz in der Luft.

Zwar möchte man auch hier nicht direkt behaupten, dass Dylan ein guter Sänger ist, aber er gibt sich doch auf eine schön eigenwillige Art Mühe. Während seine eigenen Lieder – „Don’t Think Twice, It’s All Right“, „Highway 61 Revisited“, „Desolation Row“, um nur einige dieses Abends zu nennen – ganz den alten Dylan hören lassen, der den Text sprechsingt, ausstößt, am Zeilenende in einem Gurgeln versenkt. Mal versteht man ein Stückchen, mal errät man es mehr, weil einem die Lyrics vertraut sind. Weil man einst ihre Exegese betrieben hat, Wort für Wort.

Einen Spaß kann sich der Konzertbesucher jetzt daraus machen, die Setlist zu dechiffrieren, die Dylan übrigens im Gegensatz zu früher inzwischen offenbar für eine gute Weile beibehält. Dass er ausgerechnet mit „Things Have Changed“ und also der Zeile „A worried man with a worried mind“ beginnt – ein politisches Statement? Dass er mit „Ballad of a Thin Man“ endet, darin der Refrain „Because something is happening here / But you don’t know what it is / Do you, Mister Jones?“ Hat es was zu bedeuten?

Mr. Dylan ist nicht zu unterschätzen, aber man kann trotzdem, siehe oben, den Verdacht haben, dass ihn heutzutage die Politik herzlich wenig und die Musik sehr interessiert. Aus Anlass des Erscheinens von „Triplicate“ wurde gemutmaßt, ihm fielen keine eigenen Songs mehr ein. Es ist ihm wohl auch nicht wichtig. Aber könnte es sein – ein kühner Gedanke, gewiss –, dass ihm das Singen wichtig ist, womöglich über die Jahre sogar wichtiger geworden ist?

Fabelhafte Never-Ending-Band

Aber zur Musik also. Zur Never-Ending-Tour gehört die fabelhafte Never-Ending-Band, bestehend aus Tony Garnier, Bass, den Gitarristen Stuart Kimball, Donnie Herron und Charlie Sexton (mit dem er manchmal den Kopf zusammensteckt) sowie dem Schlagzeuger George Receli. Dylan stellt sich nicht mehr mit Gitarre hin, meist sitzt er inzwischen hinterm Piano und steht für die Cover-Songs auf, schlendert mit steifen Knien – im Mai wird er 76 und ja, man sieht ihm jedes Jahr an – zum Mikrofonständer, schnappt ihn sich, als hätte er Angst, dieser könnte ihm noch entwischen, hält ihn dann lässig schräg. Seine leichte, aber doch offensichtliche Gebrechlichkeit, seine Entschlossenheit, trotzdem Konzert um Konzert zu geben, dazu das tatsächlich ja souveräne Ergebnis – das hat etwas Rührendes. Man glaubt plötzlich zu verstehen, dass Bob Dylans Tour läuft und läuft und läuft, damit er einmal bei seiner Lieblingsbeschäftigung, nein, bei seinem Ein und Alles tot umfallen kann. Zur tragischen Figur würde er, wenn man nicht mehr vom „souveränen Ergebnis“ schreiben könnte.

Aber so ist es ja nicht. Bob Dylan and his band (so steht es auf dem Ticket), das sind diesmal eindreiviertel Stunden Countryrock, ein bisschen Blues, ein bisschen Bluegrass, ein bisschen Folk, sind Schwung und Schmelz und herrliches Gitarren-Wahwah, his band könnte auch eine stolze Begleitung für einen echten Crooner sein.

Das würde von Dylan niemand behaupten wollen. Aber diese gezeichnete, raue, manchmal krähenkrächzende Stimme sich doch um ein melancholisches Kleinod wie „Autumn Leaves“ bemühen zu hören, durchaus mit Erfolg bemühen zu hören, das hat doch Charme, Tiefe, ja, Seele.

Da steht er dann in der (nicht ganz ausverkauften) Festhalle, lässt den Mikroständer mal baumeln, stellt sich mal breitbeinig hin, weil er vielleicht auch nicht mehr so sicher auf den Beinen ist, und lässt die letzten Blätter ganz sachte sinken, fallen.

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