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"Kopf hoch, Brust raus" ? die Band lässt sich vom rechten Gegenwind nicht einschüchtern.

Feine Sahne Fischfilet

Ein bisschen krass muss sein

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Das Wort "Arschlöcher" ist in der Tagesschau selten zu hören. Ein Besuch bei "Feine Sahne Fischfilet", deren Sänger jüngst gegen Nazis gepoltert hat.

Es ist zwei Uhr in der Nacht, als Peter Tucholski von einem lauten Geräusch geweckt wird. „Das ganze Haus hat gescheppert“, erinnert sich der 65-Jährige. Durch den Briefkastenschlitz seines Hauses in Loitz (gesprochen „Löötz“, mit gedehntem „ö“) haben Unbekannte einen Sprengsatz gesteckt. Der innenliegende Briefkasten – eine stabile Gründerzeit-Kommode aus Kirschholz – zerspringt in tausend Stücke, die Splitter fliegen bis in den ersten Stock. Verletzt wird niemand.

Tucholski erstattet Anzeige, am folgenden Vormittag bekommt er Besuch von der Polizei aus Greifswald („die waren sehr zuvorkommend“) und vom Staatsschutz. Auch Beamte des Ordnungsamts der Gemeinde Peenetal/Loitz schauen sich interessiert um, sie fragen sich, ob wohl mit den Fluchtwegen alles in Ordnung sei. „Die haben versucht, mich ein bisschen zu piesacken“, erzählt Tucholski.

Vorleben als Fußball-Hooligan von Hansa Rostock

Ihr Ziel erreichen aber weder die nächtlichen Besucher mit dem Knallkörper noch die gestrengen Herren vom Ordnungsamt. Tags darauf findet auf Tucholskis Anwesen im großen Ballsaal das Konzert mit der Punkband Feine Sahne Fischfilet wie geplant statt. Die sechs Musiker feiern die Veröffentlichung ihres neues Albums „Sturm & Dreck“ in jener Kleinstadt, in der sie vor zehn Jahren zum ersten Mal gemeinsam geübt haben – es ist ein Album, das die Gruppe aus Vorpommern noch ein Stück weiter in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit und in den Rock-Mainstream katapultieren dürfte. Und das mit einem Sound, den die Band selbst augenzwinkernd als „antifaschistische Bierzeltmusik“ beschreibt. Zwei Bläser verfeinern das knüppelharte Punkrock-Gerüst mit Trompete und Flügelhorn. Britische Ska-Bands sind als Einfluss ebenso herauszuhören wie die Toten Hosen, für die Feine Sahne Fischfilet im Dezember 2017 als Vorgruppe gespielt hat.

Die Konzerte der eigenen Frühjahrstournee „Alles auf Rausch“ sind weitgehend ausverkauft, im Juni spielen Feine Sahne Fischfilet auf zwei der größten Open-air-Festivals des Landes („Hurricane“ und „Southside“) und am Morgen vor der Party in Loitz stehen Sänger Jan „Monchi“ Gorkow und Gitarrist Christoph Sell in einem Hamburger Fernseh-Studio und geben der Frühausgabe der „Tagesschau“ ein langes Interview. Es wird ein Gespräch mit gebremstem Schaum. Sänger Monchi, der ein bewegtes Vorleben als Fußball-Hooligan von Hansa Rostock hat, entschuldigt sich sofort, nachdem ihm im Zusammenhang mit Rechtsradikalen das Wort „Arschlöcher“ rausgerutscht ist. Nicht so schlimm, erwidert der Moderator, wir sind ja nicht in Amerika. Danach läuft ein kurzer Ausschnitt der aktuellen Single „Zurück in unserer Stadt“, ein hochtouriges Sauflied mit politischem Subtext und der Refrainzeile „Wir scheißen vor eure Burschenschaft.“

Die Stadt mit den rechtskonservativen und nationalistischen Burschenschaften, denen man gerne symbolträchtig was Braunes vors Haus legen würde, ist Greifswald an der Ostsee. Dort hat die Band im vorigen Jahr ihren ersten eigenen Proberaum eingerichtet, die zwölf Songs für „Sturm & Dreck“ sind hier entstanden. Doch ergeht es den Musikern, die sich immer wieder mit der Neonazi-Szene in Mecklenburg-Vorpommern angelegt haben, nicht besser als ihrem Ballsaal-Vermieter Peter Tucholski. Eines Nachts werden die Scheiben eingeworfen, Buttersäure und der Schaum eines Feuerlöschers sorgen für bestialischen Gestank und erheblichen Sachschaden. Anfeindungen aus dem rechten Spektrum sind Feine Sahne Fischfilet gewöhnt, vor allem Sänger Monchi, ein auffälliger Typ mit seinen 1,94 Meter Körpergröße, dick, vollbärtig, tätowierte Beine, bei jedem Wetter in kurzen Hosen. Ihr gestiegener Bekanntheitsgrad schütze die Band nicht unbedingt, glaubt Trompeter Max Bobzin: „Wenn uns etwas passiert, erfahren das zwar viele Leute, aber dass wir 110 000 Fans auf Facebook haben, verhindert keine Angriffe.“

Doch ebenso wenig wie Peter Tucholski lässt die Band sich einschüchtern, im Gegenteil. Im Sommer 2015 stellen sich Monchi und zwei Freunde in Güstrow zwischen eine Flüchtlingsdemo und ein Dutzend Rechtsradikale. Es bleibt nicht beim verbalen Scharmützel, Stühle eines Straßenlokals fliegen durch die Luft. Das Amtsgericht Güstrow spricht Monchi und die beiden anderen kurz vor Weihnachten 2017 vom Vorwurf des Landfriedensbruchs frei. Der ursprüngliche Belastungszeuge, ein Polizist, hat sich in Widersprüche verwickelt. Gorkows Rechtsanwalt Michael Noetzel nennt es empörend, dass drei Linke zweieinhalb Jahre nach dem Vorfall vor Gericht erscheinen müssen, „während alle Verfahren gegen Nazis, darunter ein einschlägig vorbestrafter NPD-Kommunalpolitiker, eingestellt wurden“. Die Band macht aus dem Prozess ein Riesenspektakel und fährt mit einem Nightliner mit abgedunkelten Scheiben vor. Staatliche Repressalien in Eigenwerbung ummünzen ist eben cooler, als sich darüber zu beklagen.

Doch der Polizei und vor allem dem Verfassungsschutz sind und bleiben sie in herzlicher Abneigung verbunden. In den Jahren 2011 bis 2014 stehen Feine Sahne Fischfilet als mutmaßlich links-autonome Staatsfeinde im Visier des Landesamtes für Verfassungsschutz. „Der Verfassungsschutz hat über uns mehr geschrieben als über alle Nazibands des Bundeslandes zusammen“, erzählt Monchi, immer noch fassungslos. Andererseits hätte der NSU, der auch in Mecklenburg-Vorpommern mordete und Banken ausraubte, „sich niemals so entwickeln können“ ohne die tätige Mithilfe rechtsgewirkter Staatsschützer in den neuen Bundesländern. „Wenn diese Behörde dann über einen schreibt, hat man nicht so viel falsch gemacht.“

Auf dem neuen Album fragt die Band „Wie hält man Lawinen auf?“, naheliegend angesichts der 20,8 Prozent der Stimmen, die die AfD bei der Landtagswahl im September 2016 in Mecklenburg-Vorpommern holte. Zuvor hatten sich Feine Sahne Fischfilet mit Verve in den Wahlkampf geschmissen, waren mit der Konzertreihe „Noch nicht komplett im Arsch“ über die Dörfer gezogen. „Der Rechtsruck kommt nicht aus dem luftleeren Raum“, sagt Trompeter Max; die NPD saß in Schwerin immerhin zehn Jahre im Landtag, ehe sie 2016 an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Kein Grund zur Entwarnung allerdings, findet Monchi, denn die Positionen von AfD und NPD seien „zu 80 bis 90 Prozent deckungsgleich“. Er nennt es „hammerhart, dass Leute wie Björn Höcke sich auch noch beklagen, dass sie in diesem Land nichts sagen dürften. Was will der denn noch sagen?“

Doch jetzt – Themenwechsel, bitte – haben wir lange genug über die AfD geredet. Feine Sahne Fischfilet wollen lebensbejahend und positiv rüberkommen, nicht jammern, sich nicht runterziehen lassen von einer apokalyptischen Stimmung. Wie das geht? „Kopf hoch, Brust raus, sich gerade machen“, lautet Monchis Gebrauchsanweisung, „die coolen Leute feiern“, die es eben auch noch gebe hier im dünn besiedelten, von Landflucht gebeutelten Vorpommern.

In diesem Sinne ist „Wir haben immer noch uns“ das wahrscheinlich wichtigste Lied auf dem neuen Album, eine Autosuggestion gegen das beklemmende Gefühl, allein zu sein unter Nazis. „Bleiben oder gehen“ war das vorige Album überschrieben, frei nach den englischen Punk-Ikonen von The Clash („Should I Stay Or Should I Go?“), aber das Feld zu räumen, wegzuziehen aus Vorpommern, das stand für die heimatverbundene Band nie ernsthaft zur Debatte.

An diesem Abend in Loitz funktioniert die Autosuggestion perfekt, der Ballsaal wird zu einem Antifa-Biotop voller FCKNZS-T-Shirts und „Kein Mensch ist illegal“-Jutetaschen. Die Musiker von Feine Sahne Fischfilet haben für jeden ein Schulterklopfen und ein freundliches Wort übrig und geben den 300 Besuchern das Gefühl, Freunde zu sein – und nicht bloß zahlende Fans.

Während oben im Saal die Hinterwaldgang, ein sehr junges HipHop-Trio aus Greifswald, den Abend eröffnet, erzählt Biobauer Jürgen („Vorname genügt“), der im Hof in einem großen gusseisernen Kessel Suppe für die Zuschauer kocht, von den wiederkehrenden Zumutungen durch die Rechtsextremen im Landkreis.

Im nahe gelegenen Demmin meldet die NPD jedes Jahr am 8. Mai einen sogenannten Trauermarsch an, zur Erinnerung ans Kriegsende. Zwischen 100 und 200 Neonazis ziehen dann in Lumpen gewickelt und mit Handkarren durch die Stadt – mit diesem Mummenschanz wollen sie an einen Flüchtlingstreck im Frühjahr 1945 erinnern. Ein Großaufgebot der Polizei hält die zahlenmäßig überlegenen Gegendemonstranten, vergangenes Jahr waren es 600, auf Abstand. Jürgens 8.-Mai-Erfahrung: „Die Polizei behandelt uns als die eigentlichen Störenfriede, die Ärger verursachen.“

Kein Sperrgitter, keine Trennung zwischen oben und unten

Im Ballsaal mit dem Fischgrätparkett und den bunten Papier-Lampions stehen inzwischen Feine Sahne Fischfilet auf der Bühne, es gibt kein Sperrgitter, keine Trennung zwischen oben und unten, immer wieder klettern Fans auf die Bühne, immer wieder hechtet Monchi mit seinem beachtlichen Kampfgewicht in die vorderen Reihen. In der ersten Reihe flippen Monchis Geschwister aus. Seine Schwester Christin hat er früher beklaut, wenn er Geld brauchte für Fußballkarten. Das Gymnasium im Demmin brach er ein halbes Jahr vor dem Abitur ab. Er ist einfach nicht mehr hingegangen, sondern mit seinem Freund Kai Irrgang, heute Bassist der Band, lieber zu den Auswärtsspielen von Hansa Rostock gefahren.

Das ist keine journalistische Indiskretion, Feine Sahne Fischfilet feiern auf dem neuen Album auch die Eltern des Sängers, die heute regelmäßig bei Konzerten vorbeischauen – und denen ihr Sohn einiges zugemutet hat in seiner wilden Zeit. „Niemand wie ihr“ lässt den Stress Revue passieren, den es im Hause Gorkow gab, etwa wenn der Teenager-Sohn in Dortmund aus dem Polizeigewahrsam abgeholt werden musste, nach Fußballfan-Krawallen. Und ist zugleich eine wunderschöne Liebeserklärung an die Eltern: „Sollt’ ich mal Kinder haben, will ich so sein wie ihr.“ Monchi hält während dieses Liedes in Loitz seine Mutter Angela, eine Zahnärztin, im Arm.

Und Vater Axel stürzt sich als Crowdsurfer ins Publikum, wird von den Zuschauern auf Händen getragen und steht am Ende des Songs etwas zerzaust, aber glücklich auf der Bühne. Im richtigen Leben führt der spätberufene Rockstar übrigens in Jarmen ein Bauunternehmen, Familienbetrieb in dritter Generation.

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