Musik

Bis in entlegene Winkel

  • vonStefan Michalzik
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Ein umfassendes Bild von Kurt Weill durch die Frankfurter Kammeroper.

Das äußere Arrangement ist praktisch das eines klassisch-romantischen Liederabends. Eine Sängerin und ein Pianist, hinzu kommt hier ein Saxofonist, alles drei in Schwarz. Tatsächlich ganz klassisch fängt dieser Abend auch an, wenngleich in einem anderen Sinne, dem eines gängigen Brecht/Weill-Programms. Rasch jedoch offenbart sich, dass hier von der Routine abgewichen wird. Das fängt damit an, dass die Mackie-Messer-Moritat aus der „Dreigroschenoper“ instrumental gespielt wird, zunächst kinderklaviergleich auf den hohen Tasten des Klaviers, dann beginnt es zu swingen, mit einem Schuss Stride-Piano und einem balladesken Saxofon.

Dass Kurt Weill nicht allein der Komponist der zusammen mit Bert Brecht im Berlin der zwanziger Jahre geschriebenen „Dreigroschenoper“ ist, gilt – auch wenn sich seine im amerikanischen Exil entstandenen Broadwaymusicalerfolge auf hiesigen Bühnen niemals ernstlich durchgesetzt haben – als bildungsbürgerliches Allgemeingut; Einzelne Melodien daraus, wie „September Song“, sind geläufig.

Mit dem Programm „Und der grüne Mond schien durch das Dach“ jedoch, das jetzt im Zuge der Notration der Frankfurter Kammeroper im Palmengarten zu sehen war, gelang dem kleinen Ensemble, Annette Fischer (Sopran), Stanislav Rosenberg (Piano) und Tobias Rüger (Tenorsaxofon), im Jahr des 120. Geburtstags ein tatsächlich umfassender Abriss zumindest des auf den Gesang bezogenen Teils von Weills verzweigtem Werk.

Tief kundig und zugleich mit der geschliffenen Leichtigkeit eines Conferenciers gibt Tobias Rüger ein fokussiertes Bild dieses Strangs der musikalischen Biografie des früh, im Jahr 1950 verstorbenen Sohns eines jüdischen Kantors in Dessau. Bis in entlegene Winkel, wie etwa einem frühen Versuch des Jugendlichen, der noch vom Einfluss des romantischen Lieds geprägt war.

Gershwins „Porgy and Bess“ wird zwar übergangen, wenn Rüger, einem zeitgenössischen Kritiker folgend, den Deutschen Kurt Weill als den Begründer der amerikanischen Oper bezeichnet. Tatsache aber ist, dass Weill in einem wahrhaft amerikanischen Idiom komponiert hat, das sich nicht zuletzt durch eine Zugänglichkeit für ein breites Publikum auszeichnet.

Gar nicht genug preisen kann man Annette Fischer! Bei Brecht/Weill tappt die Sopranistin mitnichten in die Falle eines verfehlt opernhaften Aussingens, dann wieder vermag sie eine handfest-kecke Diseuse im Stil einer Claire Waldoff zu sein in dem „Song of the Rhineland“, mit dem Weill zusammen mit seinem Texter Ira Gershwin in einer ungeahnt komischen Art das hiesige Trinklied parodiert. Nicht weniger wird Fischer dem melodramatischen Gehalt einiger der amerikanischen Melodien gerecht.

Markant und luzide ist die aufmerksame Begleitung von Stanislav Rosenberg; obendrein gibt er eine herrlich lustige Persiflage auf die überlieferte Tonaufnahme, in der sich Kurt Weill anhand des Songs „Speak Low“ aus „A Touch of Venus“ mit einer so charmanten wie begrenzten Gesangskunst präsentiert.

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