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Billie Eilish in Los Angeles, wo sie Gast bei der Oscar-Gala war.

„No Times To Die“

Billie Eilish singt den Bond-Song: Wie von erschöpften Engeln

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„No Time To Die“: Der Bond-Song von Billie Eilish ist ein Meisterwerk.

Am Freitag, den 14. Februar um ein Uhr hiesiger Zeit hat die gerade volljährig gewordene Billie Eilish den Titelsong zum nächsten, im April in die Kinos kommenden James-Bond-Film vorgestellt: „No Time To Die“ heißt das vierminütige, bereits jetzt viele Millionen Mal gehörte Werk. Es ist sehr schön geworden, indem es in Arrangement und Melodie alle Dogmen und Motive der vor 56 Jahren mit Shirley Basseys „Goldfinger“ begründeten Bond-Titelsong-Tradition bedient. Und es ist meisterlich, indem es eben diese Dogmen textlich und klanglich reflektiert und wie ein erlöschendes Echo zurückwirft.

Mit gemäßigten Klavierkadenzen, die die Ewigkeit als sphärische Kreisbewegung schon in sich tragen, rollt die von dem deutschen Filmkomponisten Hans Zimmer unter Mitwirkung des Smith-Gitarristen Johnny Marr arrangierte und von Billie Eilishs Bruder Finneas Eilish produzierte Ballade wie eine sanfte Welle an. Die Stimme setzt Billie-Eilish-gemäß ein, als ein sich kräuselndes Flüstern, das ganz knapp in Gesang überläuft. Der Atem bleibt, wie es bei erschöpften Engeln üblich ist, stets hörbar. Jeder Ton ist eine Liebesmüh für jene, die noch auf der Erde wandeln. Geist muss in Klang verwandelt, noch einmal aus dem Himmel geholt werden, bevor es ins Jenseits geht.

„Ich hätte es wissen müssen“, lautet die erste Zeile des in kurze Verse gesetzten, vor allem einsilbige Wörter verwendenden Textes: „I should have known“. Es geht um Liebe, um Schmerz, um vorausgeahnte und eingetretene Enttäuschung. Was natürlich immer auch als Metapher für die Tragik des Geheimdienstagenten zu verstehen ist, der sich selbst entfremdet ist und ohne eigene Identität in der Lüge leben muss. Und tun wir das nicht alle?

Die schönste Wendung lautet: „The blood you bleed is just the blood you owe“. Vielleicht ist es das, was ein nach einem Schusswechsel im Sterben Liegender die Engel singen hört, kurz nachdem er noch einmal sein Leben im Zeitrafferfilm ansehen durfte. Das Blut, das du blutest, ist das Blut, das du schuldig bist. Nichts hinieden gehört dir. Lass also ab! Es ist vorbei! Komm rüber! Schlaf!

Diese liebevolle allwissende Mattigkeit der jungen Stimme von einer, die das Elternhaus in Kalifornien noch nicht verlassen hat, ist ein Gruß an 007, der sich an so etwas wie ein Zuhause nicht mehr erinnern kann, nun schon so lange nicht mal mehr im Dienst Seiner Majestät ist und doch wieder und wieder zurückgerufen wird, um wieder und wieder die Welt zu retten, ob sie es nun verdient hat oder nicht. Lass ab! Komm rüber! Schlaf!

Um die Daseinsmühe in der ewigen Lüge auch als Erinnerung präsent zu kriegen, müssen wir die Bond-Balladen-Standards aushalten, die sehr genau in der Mitte des Titels aufgefahren werden, aber nie ganz die Oberhand gewinnen: weiche voluminöse Pauken, brodelnde Hörnerchöre, absteigende und anschwellende Streicher – all das erprobte, glitzernde Besteck der Eskalation und der Eruption. Auch hier, selbst wenn Billie Eilish in ihre Kopfstimme wechselt und helle, reine, gleichwohl raumgreifende Töne aufsteigen lässt, bleibt das Ätherische ihres Atems spürbar. Oder ist es der Schlag ihrer Flügel? Dieses Lied ist wie ein opulentes Feuerwerk, das man durch die dreifachverglasten Fenster eines nächtlichen Bürohochhauses betrachtet – oder eben durch Tränen. „There’s just no time to die.“ Kurz weinen wird man ja wohl noch dürfen.

Justin Bieber, trauriger Superstar, bringt mit seinem neuen Album „Changes“ die ganze Misere der Musik auf den Punkt: Alles muss raus.

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