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Schlafzimmerblick? Eher Mach-mich-nicht-an-Blick, wenn man nach „Happier Than Ever“ gehen kann. Foto: Kelia Anne MacCluskey/Universal Music
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Schlafzimmerblick? Eher Mach-mich-nicht-an-Blick, wenn man nach „Happier Than Ever“ gehen kann.

Musik

Billie Eilish: „Happier Than Ever“ – Sie kann kaum erwarten, ihre Zukunft zu treffen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Und auch das Publikum darf ziemlich gespannt sein nach dem eindrucksvollen zweiten Album von Billie Eilish.

Ich unterschreibe meinen Plattenvertrag! Nach einem Jahr voll langweiliger Meetings mit Erwachsenen, die keine Ahnung hatten, wie man mit einer Vierzehnjährigen spricht.“ Auf dem zu diesem Text gehörenden Foto kann man sehen, dass Billie Eilish die Haare silberweiß trägt. Ein paar Seiten weiter vorn, unter Bildern vom Haarefärben, steht: „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, ich selbst zu sein.“ Sie, bzw. ihre Haare werden als nächstes schwarz wie die eines Goths. Sie werden neongrün und schwarz. Das ist vermutlich die Phase, in der die meisten Erwachsenen, darunter die Rezensentin, auf sie aufmerksam wurden: ein neongrüner Scheitel ist ein Signal.

Was in dem Foto-Band „By - Billie Eilish“, der im Frühsommer in mehreren Ländern und Sprachen gleichzeitig erschien, noch nicht zu finden ist: Die jüngste Verwandlung, in die Welt gebracht spektakulär auf dem Cover der „Vogue“, eine Verwandlung, die sich diesmal nicht auf die Haare beschränkt, sondern auch die einst doch so schlabberigen Klamotten umfasst. OMG, sie ist plötzlich platinblond und sexy wie Marilyn und in ein enges rosafarbenes Mieder geschnürt, so ging es durch die Medien. Meint sie das ernst?

Spielt es eine Rolle, ob sie es ernst meint? Entspannt euch, Leute, möchte man sagen, sie ist 19, sie ist schon eine ganze Weile ein Superstar, das ist verflixt anstrengend – und wäre es euch lieber, sie hätte keinen Spaß?

Gerade ist Billie Eilishs neues, zweites Album erschienen, es heißt „Happier Than Ever“, glücklicher denn je; auf dem Cover sieht sie alles andere als glücklich aus und ja, der Titel könnte ironisch gemeint sein. Schon gar, wenn der Titelsong so beginnt: „When I’m away from you / I’m happier than ever“. Die Sprecherin wünscht sich, das wäre nicht so, aber der Typ macht sie „fucking sad“ (eine Warnung vor „explicit content“ steht auf dem Cover), denn „I’d never treat me this shitty“, ich würde mich nicht so scheiße behandeln. Seit ihr erstes „richtiges“ selbst geschriebenes Lied angeblich von Zombies handelte, da war sie elf, hat sie sich durchaus nicht auf das übliche Herz-Schmerz-Ich-lieb-dich-doch-lieb-du-mich-auch-Standardprogramm verlegt.

Billie Eilish O’Connell schreibt und arrangiert ihre Songs zusammen mit ihrem vier Jahre älteren Bruder Finneas Baird O’Connell – ihm könne sie nämlich „alles sagen“. Das tut sie im Anschluss mit jedem so entstandenen Song öffentlich, sie ist eine junge Frau der klaren Worte.

Album und Buch

Billie Eilish: Happier Than Ever. Universal Music.

Billie Eilish: By - Billie Eilish. A. d. Engl. von Viola Krauß. Piper, München 2021. 336 S., 20 Euro.

Geradeheraus sind viele der Texte auf „Happier Than Ever“, angenehm klischeefrei dazu. Und auch wenn ihre weiblichen Fans zweifellos ein komplett anderes Leben führen, ihre Liebschaften gewiss keine „NDA“ unterschreiben lassen (müssen) – NDA steht für Non Disclosure Agreement, Stillschweigevereinbarung –, so dürften sie diebischen Spaß daran haben, wie Billie Eilish den Typen Bescheid gibt. Hier mit einem „ich habe meine Pläne geändert“ („My Future“), da mit „du bist ein hoffnungsloser Fall“ („Lost Cause“), dort mit der Ansage, dass sie ja wohl nicht dafür verantwortlich ist, was andere in ihr sehen („Not My Responsibility“): „Do my shoulders provoke you? Does my chest? / Am I my stomach? / My hips?“ Wollt ihr, dass ich still bin, fragt sie.

Das nun bestimmt nicht. Es ist genau richtig, wie sie ihren Hörerinnen zuflüstert, wispert, haucht. Wie sie sich zu einem beugt, einem ihren Mund fast ans Ohr zu legen scheint, so dass man manchmal meint, sogar das winzige Geräusch mitzuhören, mit dem sie die Lippen schließt oder öffnet. Billie Eilish pflegt eine sehr intime Art des Singens. Jedes kleine Zittern in der Stimme, jedes Runden des gerade noch hauchdünnen Tons mag kalkuliert sein, gleichzeitig wirkt der Vortrag leicht, lässig. Wie ein umstandsloses: jetzt erzähle ich euch mal was, kommt näher.

Bruder Finneas mag das perfekte Gespür dafür haben, den Flüster-Gesang seiner Schwester mittels sparsamem Plinkern, auch mal Akustikgitarre zur Geltung zu bringen – es spricht gleichzeitig nichts dagegen, dass die Sängerin genau weiß, was sie will. „Directed by Billie Eilish“ steht etwa zuletzt kurz am Rand des Videos zum Song „Therefore I Am“, in dem sie einem – mutmaßlich männlichen – Adressaten erklärt: „I’m not your friend“. In einem leeren Einkaufszentrum turnt sie über Theken, schnappt sich Junkfood und stopft es sich mit einem Blick in den Mund, der besagt: Du hast mir nichts zu sagen. Und nein, ich bin nicht deine Freundin.

Billie Eilish, dafür spricht inzwischen einiges, scheint die Robustheit, Gewitztheit, Selbstironie für ein Leben als Superstar mitzubringen. Den Mut, die Dinge klarzustellen, am besten nicht in irgendeinem Interview, sondern direkt im Song. Gute Musik macht sie außerdem. 16 Songs sind es auf „Happier Than Ever“, keiner ist wirklich schwach, einige kommen alles andere als von der Stange und schlüpfen einem doch sofort ins Ohr und ins Hirn. Und bisweilen in die Füße, etwa der „Billie Bossa Nova“, der bei aller musikalischen Nettigkeit auch Ecken und Kanten hat und endet: „I’m not sentimental“.

Billie Eilish singt, als wolle sie den Stier bei den Hörnern packen, auf diesem Album als erstes übers Älterwerden („Getting Older“) und erklärt selbstbewusst: „I think I’m aging well“. Dann kommt an vierter Stelle „My Future“, der Song wird wohl in jeder Besprechung eine Rolle spielen.

Denn es braucht sich da einer keine Hoffnungen machen, dass sie ihn nach Hause fährt und mit rein kommt, dass sie sich in ihn verliebt, dass sie sich einsam fühlt ohne ihn, „without someone“ – „but aren’t I someone?“, bin ich nicht jemand? Ich seh dich in ein paar Jahren, sing-flüstert sie, denn jetzt bin ich verliebt in meine Zukunft und kann es nicht erwarten, sie zu treffen.

Sicher wird ihr auf dem Weg manches starke Billie-Eilish-Album begegnen. Man kann sich darauf freuen, ganz egal, welche Haarfarbe sie gerade bevorzugt.

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