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Bill Callahans Album „YTILAER“: Ist es eine Krankheit oder ein Song?

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Von: Stefan Michalzik

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Schreibt großartige Songs ohne Unterlass und ist ein Meister des Arrangements: Bill Callahan. Foto: Gonzales Phtot/Nikolaj Bransholm
Schreibt großartige Songs ohne Unterlass und ist ein Meister des Arrangements: Bill Callahan. Foto: Gonzales Phtot/Nikolaj Bransholm © Gonzales Photo/Imago

Mit „YTILAER“ will Bill Callahan die Sinne wieder in Gang bringen

Es ist eine phänomenale Beständigkeit – hier ist das Wort frei von seinem zweifelhaften Beiklang zu verstehen –, die das Schaffen von Bill Callahan auszeichnet. „YTILAER“ – die Spiegelung des Wortes „Reality“ – ist das neunte Album des 1966 im Provinzort Silver Spring, Maryland geborenen und seit langem in Austin, Texas lebenden US-amerikanischen Singer/Songwriter seit dem Solodebüt 2007, dem eine langjährige Phase mit einer an Lo-Fi und Noise orientierten Ästhetik unter dem Namen Smog vorausgegangen war. Abgesehen davon lässt sich nicht sagen, dass Callahan sich immer wieder neu erfinden würde. Das braucht es auch nicht, denn er schreibt nicht nur großartige Songs ohne Unterlass, er ist auch ein Meister in der Kunst des Arrangements. seine unwiderstehlich sonor-stoische Baritonstimme stellt ein charakteristisch wiedererkennbares Kontinuum dar, die Songs indes lässt Callahan in immer wieder anderen Farben schillern.

Wie immer hat es wieder eine ganze Reihe von bemerkenswerten Songzeilen, die potenziell geeignet erscheinen, in die Popgeschichte einzugehen. „And we’re coming out of dreams / As we’re coming back to dreams“, heißt es gleich zu Beginn im Song „First Bird“ zum Stichwort Realität. „They say never wake a dreamer / Maybe that’s how we die“, unkt Callahan im Song „Coyotes“, „I realize now that dreams are real“. Der spiegelverkehrte Titel spielt mit der Beziehung zwischen der Wirklichkeit und ihrer Spiegelung im Traum. Und letztlich geht es auf diesem Album um kontemplative Reflexionen über das Leben. Callahan handelt vom Alltag mit seiner Familie wie auch von den großen Dingen um das Dasein und den Tod. „Ich habe deinen Todessong geschrieben“, erklärt das lyrische Ich in „Lily“, „lange bevor du gestorben bist“.

Bei den zwölf Songs handele es sich, hat Bill Callahan kommentiert, um einen Versuch, sich nach Jahren des Ausnahmezustands wieder mit den grundlegenden Dingen des Lebens vertraut zu machen. „Ich wollte ein Album machen, dass die Situation, in der wir uns gegenwärtig befinden, anspricht und reflektiert“, hat er in einem Interview gesagt, „ich hielt es für notwendig, Leute aufzurütteln – ihre Liebe, ihre Güte, ihre Wut, einfach irgendwas in ihnen zu erwecken. Um ihre Sinne wieder in Gang zu bringen.“

Reflexionen über das Leben

Die Musik mäandert in der vertrauten Weise, immer wieder tauchen andere Instrumente auf in den zumeist eher kargen Texturen – Bläser, Steel-Guitar, Orgel; hinzu kommt eine ganze Reihe von wechselnden Backgroundstimmen, überwiegend Frauen; im düster-folkigen „Bowevil“ mit seiner gespenstisch-sturmgleich crescendierenden Gitarre auch Männer. Hier und da hat es mal einen Ausbruch aus dem musikalischen Fluss, etwa in dem stark rhythmisierten „Natural Information“ – womit die „two million years of data“ gemeint sind, die dem Menschen in einem Moment der Kontemplation zur Verfügung stehen.

Vor gut zehn Jahren hat das Magazin „The New Yorker“ eine wunderbare Sentenz auf Bill Callahan geprägt: „His version of stoizism ist not so different from Clint Eastwood’s.“ Wie auf der anderen Seite zugleich auch, sei hinzugefügt, von jenem Leonard Cohens. Herrlich immer wieder Zeilen wie: „I feel something coming on / A disease or a song“ – „Ich spüre etwas kommen / Eine Krankheit oder einen Song“.

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