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Big Thief „Dragon New Warm Mountain“: Ein Sturm, eine Windmühle, Stille

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Von: Sylvia Staude

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Big Thief.
Big Thief. © Viscius

Das Füllhorn „Dragon New Warm Mountain I Believe in You“ von Big Thief.

Adrianne Lenkers erstes umwerfendes Lebenszeichen aus der Abgeschiedenheit der Pandemie (in einer Hütte in New Englands Wald) war das seelentröstende, mit Naturgeräuschen durchwirkte Solo-Doppelalbum „songs“ und „instrumentals“. Jetzt hat sie mit Big Thief gewaltig nachgelegt, der Band, die die 1991 geborene US-Amerikanerin vor sieben Jahren zusammen mit Buck Meek in Brooklyn gründete. Gewaltig, denn das Album mit dem ellenlangen Titel „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ ist ebenfalls ein doppeltes und enthält 20 Songs – diese ausgesucht aus ursprünglich 45, die während Arbeitsaufenthalten an vier verschiedenen Orten entstanden. Es gab offenbar auch immer eine Session – in Studios in Upstate New York, im Topanga Canyon, in den Rocky Mountains und in Tucson, Arizona, Schlagzeuger James Krivchenia produzierte, das Quartett vervollständigte Max Oleartchick.

Die Leitfrage, so Krivchenia, sei gewesen: „Wie können wir die verschiedenen Aspekte von Adriannes Songwriting sowie die verschiedenen Aspekte der Band auf einer einzigen Platte zusammenfassen?“. Wenn man „Dragon New ...“ hört, fällt einem nicht auf, ob es viel Mühe gekostet hat; es gefällt allemal die so entstandene Vielfalt.

Dem Folk-Rock wird Big Thief meist zugeschlagen, in der Rubrik „Best Alternative Music Album“ waren sie für einen Grammy nominiert. Alternativ zu was, könnte man da fragen. Und die Antwort müsste nach „Dragon New ...“ sein: zu all dem, was man schon tausendmal gehört hat, egal in welchem Musikgenre.

Das Album:

Big Thief: „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“. 4AD.

Adrianne Lenkers eindringliche Stimme eröffnet mit „Change“, es ist eine Stimme, bei der man immer ein wenig das Gefühl hat, sie kommt einem ganz nah. Auf dem Solo-Album „songs“ war das durchgängig so, da hat sich Lenker selbst sparsam auf der Akustikgitarre begleitet. Jetzt gibt es auch die anderen, die drängenden und prallen Lieder. Gleich das zweite des Albums, „Time Escaping“, nimmt nach einem Räuspern und einer Trommel, von der die Töne einzeln zu fallen scheinen, ganz plötzlich Fahrt auf. Und dann, im leicht bluegrassigen „Spud Infinity“, gibt es die Fiddle und die Maultrommel, einen fröhlichen Schwung und launige Zeilen wie: „everybody steps on ants / everybody eats the plants“. Der Rat lautet wohl, sich zu entspannen, „kiss the one you are right now“, küsse die, die du gerade bist.

Den Zwiebeln drohen

Die Natur, das Land- und auch das Alltagsleben werden in vielen der Texte gewürdigt. Im countryesken „Red Moon“ dreht sich eine Windmühle und wird den Zwiebeln damit gedroht, dass sie es noch bereuen werden, dass sie die Sprecherin zum Weinen brachten (ab in die Pfanne mit ihnen?). Frösche „scherzen“, Ahorn- und Kirschblütenblätter fallen, der Spatz singt (ähnlich manchmal Adrianne Lenker) mit „whispering whistle“. Dem „Sparrow“ folgt „Little Things“, ein Song mit solchem musikalischem Aufruhr, dass er wie das Auge eines kleinen Wirbelsturms ist.

Der zweite große Schwerpunkt dieses Doppelalbums ist trotzdem, wie sollte es anders sein, die Liebe. Melancholisch wird sie besungen in „12 000 Lines“, mit (ironischem?) Country-Twang in „Blue Lightning“. Die Sprecherin möchte die Falte im Augenwinkel der Geliebten sein, möchte das Schuhbändchen sein: „I wanna be the wrinkle in your eye / I wanna be the shoelace that you tie“. Mit bratzenden, grollenden Gitarren, mit ordentlich Wumms kommt, und das passt zu einem solchen Titel, „Love Love Love“ daher.

„Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ hörend, kann man von einer Stimmung zur nächsten hüpfen, bekommt ein Angebot für jede Tageszeit und (fast) jedes Gefühl.

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