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Die Biene zieht weiter

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Von: Thomas Stillbauer

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Blondie-Sängerin Debbie Harry im jugendlich-frischen Bienenlook.
Blondie-Sängerin Debbie Harry im jugendlich-frischen Bienenlook. © Ian West (PA Wire)

Tak-tak-taka-taka: "Pollinator", das neue Blondie-Album, bestäubt vertraute Songblüten.

Verdammt – Deborah Harry ist wie alt? Einundsiebzig? Dann müssten wir ja alle längst Rentner sein. Oder tot. Und keiner sagt uns Bescheid! Debbie Harry, das ist doch die Frau, in die praktisch alle verknallt waren damals. Die Sängerin von Blondie. Mag sein, dass sie ein, zwei Jahre älter war als wir, während sie „Oh Denis, do bee do, I’m in love with you“ sang, „Heart Of Glass“, „Call Me“ und „Atomic“. Aber dass sie im Juli 72 wird? Ausgeschlossen.

Deshalb klingt sie auch auf dem neuen Blondie-Album „Pollinator“, just erschienen, ganz jugendlich frisch. Teilweise. In „Fun“ etwa klingt sie ausgesprochen jugendlich frisch, wenn sie singt: „Du bist mein Spaß“, aber wenn man genau zuhört, geht es weiter mit „zu viel Spaß, ich kriege das Gefühl, ich könnte mein Leben ändern“ – hoppla: „Bring mich wieder nach Hause! Zu viel Spaß ist kein Spaß.“ Ganz schön selbstironisch. Und dazu die passende Trällermusik.

Es ist ja nicht so, als wäre Blondie erst jetzt von den Untoten auferstanden. Zwar löste sich die Band 1982 nach dem mäßig erfolgreichen Album „The Hunter“ auf, aber schon seit 20 Jahren (zwanzig!) gibt es immer wieder mal was von den einstigen sogenannten Post-Punkern aus New York zu hören. Jüngst waren sie sogar zu Besuch in Berlin, um das neue Album vorzuspielen. Debbie Harry mit Bienen-Haarkranz (Pollinator, deutsch: Bestäuber). Die Leute waren aus dem Häuschen. Abgesehen von der Sängerin sind aus den Urzeiten der Band auch Gitarrist Chris Stein und Schlagzeuger Clem Burke noch dabei. Bei Letzterem konnte ohnehin kein Zweifel herrschen – seine archetypischen Snare-Fills, also die Kurzwirbel auf der taktanzeigenden Trommel, tak-tak-tak, taka-taka, gaben und geben dem Blondie-Sound die Struktur.

So läuft es beim schönen 80er-Club-Räumer „Already Naked“, tak-tak-taka-taka, und so läuft es vor allem bei „Long Time“, dem zweiten Track auf dem Album. Der Einstieg in den Song dürfte bei 90 Prozent der Blondie-Zeitgenossen ein und dieselbe Assoziation wecken: Das ist „Heart Of Glass“. Genauso fing der größte Hit der Bandgeschichte an, Nummer 1 überall in Europa und in den USA. Aber es ist natürlich nicht das Herz aus Glas, auch wenn Debbie Harry singt: „I can give you a heartbeat“, es hat eine vollkommen andere, gleichfalls sehr schöne Gesangslinie.

Einige der neuen Blondie-Songs sind herrlich knackige Tanzaufforderungen, auch wenn manches in belanglose Dideldum-Liedchen abdriftet, nachdem man das Autoradio schon euphorisch aufgedreht hat. Aber machen wir uns nichts vor, der Blondie-Song von damals war ja auch kein Punkrock, das waren im Prinzip schon immer Liedchen zum Mitsummen, aber oft auch liebenswerte Frechheiten.

Dass die Stimme von Debbie Harry nicht alles mitmacht, was die Komponisten (darunter Smiths-Gitarrist Johnny Marr und Gegenwarts-Darling Sia) mit ihr vorhatten, geschenkt. Die emsigen Produzenten im legendären Magic-Shop-Studio in New York haben jedenfalls den authentischen Sound hingekriegt. Dies war das letzte Album, das dort produziert wurde, heißt es. Lou Reed und David Bowie, die dort Musik aufnahmen, kommen nicht mehr. Die Zeit vergeht, die Biene zieht weiter zur nächsten Blüte.

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