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Lauscher im Magazin der Nationalbibliothek.

„One Day in Life“

Bevor das letzte Metronom verstummt

Große und kleine Momente und 25 Stunden Musik bei Daniel Libeskinds Frankfurter Projekt „One Day in Life“.

Von Bernhard Uske und Judith von Sternburg

Wer kommt schon unbetäubt und gesund in einen Operationssaal, wer in ein Atelier für Katastrophensimulationen, wer in die Magazin-Kavernen der größten Bibliothek Deutschlands. Die Alte Oper machte es möglich und hat ein Projekt des Architekten Daniel Libeskind umgesetzt, das unter dem Titel „One Day in Life“ am Samstag und Sonntag 25 Stunden lang in 18 verschiedenen Frankfurter Räumen zum größten Teil konzertunpassender Natur Musik aufführen ließ. 200 Musiker waren beteiligt, 15 500 Eintrittskarten wurden verkauft, meldete am Montag die Alte Oper.
Ein in allerdings außerordentlichem Umfang wiedererwecktes Konzept, sind doch die Auftritte Morton Feldmans oder John Cages im Städel unter den Augen Alter Meister ebenso unvergessen wie Konzerte Michael Sells zwischen den Becken in den Hallen des Niederräder Klärwerks oder die Klänge von Korn/Augst/Daemgen in U-Bahn-Stationen.

Der Frankfurter Parcours – das war eine Kreuzung aus Tag der Offenen Tür und Wandelkonzert, wobei Beziehungen der gespielten Musik zu den jeweiligen Räumen im Zentrum standen.

Im OP „Body“ war das Konzert in einem der Operationssäle des Hospitals zum heiligen Geist überschrieben, wo sowohl indische Raga-Musik als auch ein Werk des Barock-Komponisten Marin Marais erklang: eine Suite, in deren Verlauf klangillustrativ eine „Opération de la Taille“ – eine Blasenoperation – geschildert wird. Im OP, unter den gedimmten Leuchtsonden auf dem Operationstisch mit gekreuzten Beinen sitzend wie in der Abendsonne, der Sitar-Spieler Ashok Nair. Die Konfrontation der alten französischen und der zeitlosen indischen Musik wäre ohne die gänzlich außeralltägliche Atmosphäre dieses Konzertsaals ohne viel Spannung geblieben.

Bei der Feuerwehr Das galt auch für das „Feuerwehr & Rettungs Trainings Center“ der Frankfurter Berufsfeuerwehr. Hier erklangen Sätze aus den Rosenkranz-Sonaten des Barock-Manieristen Heinrich Ignaz Franz Biber, der erste Satz der 5. Sinfonie Beethovens in der von Christian Fritz gespielten Klavierfassung Franz Liszts und der „Gesang der Jünglinge“ von Karlheinz Stockhausen in den Kulissen einer Straßenschlucht, die gebaut ist, um Katastropheneinsätze zu üben. Akustisch ungünstige Voraussetzungen für Biber und Beethoven/Liszt, während das vierkanalige Lautsprecherstück Stockhausens von 1955 großartig zur Geltung kam. Es durchstrahlte die klaustrophob-idealtypische bundesdeutsche Katastrophen-Urbanität wirklich wie der Lobpreis, den die drei im Feuerofen um Erlösung singenden Jünglinge im alttestamentlichen Buch Daniel anstimmen.

Im Magazin Im unterirdischen Büchermagazin der deutschen Nationalbibliothek wurde am einen Ende der endlos wirkenden Gangfluchten zwischen den Kolonnen von Regalsystemen das 5. Madrigalbuch Claudio Monteverdis gesungen, während gleichzeitig am anderen Ende einige Sätze aus Peter Ablingers „Voices and Piano“ (1998 ff) gespielt wurden: der eine Klangpunkt sacht in den anderen hineintönend. Bei Ablinger spielt Pianist Daniel Lorenzo zu per Lautsprecher übertragenen Wortbeiträgen berühmter Zeitgenossen wie Bertolt Brecht oder Angela Davies und Martin Heidegger Parallel-Umsetzungen in Tonhöhen und Rhythmisierungen. Ein verrückt-artistisches Voice-Morphing, ungemein reizvoll und aus Sprachmelodien regelrecht musikalische Physiognomien schaffend. Als wären Olivier Messiaens Klavier-Transkriptionen von Vogelgesängen auf Menschenrede übertragen worden, die so zu Menschengezwitscher wird. Dazu die Affekt-Transkriptionen im Vokalsatz Monteverdis; dazwischen die Millionen von Büchern als Transkriptionen von Gedanken in Texte: Weit unter der Erde eine wahrhaft tiefe Erfahrung.

Im Hochbunker Dagegen wenig bewegend das Programm im Hochbunker, der an der Stelle steht, wo sich bis 1938 die Ostend-Synagoge befand. Schönberg, Paul Ben-Haim und Luigi Nono: Gedenkkultur zu Recht und zu erwartbar mit allerdings einer exzellenten Akustik im kalten Betongemäuer.

Im Betriebshof Dagegen sehr bewegend das Programm im Betriebshof der Verkehrsgesellschaft Frankfurt im Gutleut, wo Mozarts „Requiem“ erklang und sich mit dem nicht unzarten Rauschen auf den Schienenwegen nebenan verband. Es erinnerte offensichtlich daran, dass wir auch beim Nachdenken über den Tod vom Leben umfangen sind. Und dass der Zeit nicht zu entrinnen ist, denn schon in die ersten Töne hinein schellte ja bescheiden, aber ohne Scheu eine sich in Bewegung setzende Straßenbahn. Und auch die Musik kommt niemals los von der Zeit, selbst wenn sie vom Ende aller Zeiten handelt und die hr-Sinfoniker und die Gächinger Kantorei unter der Leitung von Hugh Wolff größtmögliche Ruhe simulierten. Deutlich wurde auch, dass weniger die Doppelung von Raum und Musik Effekte erzielt als der seltsamer Kontrast zwischen beiden.

Im Boxring Letzteres zeigte sich ebenso im Boxcamp Gallus, wo der Pianist Pierre-Laurent Aimard Beethovens Klaviersonate Nr. 31 an einem Steinway spielte, der in einem Boxring stand. So offen zutage die Verbindung von Sport und Musik liegt – Superlative, Wettbewerb, körperliche und mentale Fitness –, so nett es war, wie Aimard vermutlich nach Boxkampftradition von zwei starken jungen Männern in den Ring geleitet wurde, so cool entzog er sich in seinem Spiel jedem sportiven Aspekt. Nur als der zweite Satz Haken schlug und Bewegungen antäuschte – alles Unorthodoxe daran hob Aimard fast schon brutal eigenwillig hervor –, ließ sich eine direkte Verbindung zum Ort herstellen. An dem ein mit den Fingern tätiger Musiker ansonsten noch weniger zu suchen haben dürfte als unsereiner. Die Zugabe, György Kurtágs „The young boxer’s lighter moments“ war eine delikate Hommage an die sehr respektvoll auftretenden Sportler, die sich freilich so wenig in die Karten blicken ließen wie der Musiker.

In der Küche Scheinbar ganz passend war es, in der (2015 außer Betrieb genommenen) Küche des Römer das Frankfurter Alte-Musik-Quartett Il quadro animato reizende „Tafelmusik“ von Telemann spielen zu hören. Aber natürlich ist ein so nützlicher, weißgekachelter Raum der krasseste Gegensatz zu einem Festessen (ein Gegensatz, der sich in jedem gepflegten Restaurant auftäte, dürfte man in den Bereich der Küche schauen, wo es zur Sache geht). Ein geradezu umwerfendes Erlebnis war im Anschluss György Ligetis „Poème symphonique“ für 100 Metronome. Die Zuhörer waren nämlich so interessiert und aufmerksam, wie sorgfältig aufeinander abgestimmte Metronome es zweifellos verdient haben, aber selten bekommen. Gemeinsames Hören, eine oft erwähnte, aber selten erlebte Freude, die die Erhabenheit des Momentes erst deutlich machte. Hier unter nervenaufreibenden Schneebesen und Kochlöffeln aus einem Zaubermärchenriesenhaushalt.

In der Alten Oper Im einzigen offiziellen Konzertsaal kam Helmut Lachenmanns „Accanto“ zur Geltung, mit der Klarinettistin Nina Janssen-Deinzer und dem von Lucas Vis geleiteten hr-Sinfonieorchester: Eine ziemlich ausgeklügelte Musik von 1975, die den möglichen Widerstand des Publikums dagegen schon der Musikerin in den Mund legt, die mit Schwung damit umzugehen wusste wie mit ihren reichhaltig mitgebrachten Klarinetten: „Das gibt’s doch gar nicht“, „Achgottachgottachgottachgottachgott“.

Im Stadion Zum Abschluss von allem kam es hier gewissermaßen zum Schwur. Libeskind verweigerte sich dabei aller (von einigen offenbar erhofften, von anderen gefürchteten) Opulenz. Stattdessen stand Carolin Widmann dermaßen allein auf dem Rasen, dass sie praktisch nicht zu sehen war. Erst recht nicht die im Quadrat verteilten Boxen und Notenständer. Sie spielte Stücke für Solo-Violine, was angesichts der Fluglärmproblematik und des Vogelgezwitschers zuweilen nur erahnbar war. Der Schönheit des Augenblicks nahm das nichts. Libeskind ließ dazwischen über Banderole etwas Text zu verschiedenen 22. Mais laufen, eine Idee, die vor der Erfindung von Wikipedia eindrucksvoller war, jetzt hingegen fast unterging, wenn auch nicht so traurig wie die frei assoziierten Bilder, die auf dem Spielstand-Videowürfel erschienen. Der Versuch, ins Große und Ganze zu gelangen, ging intellektuell nicht nur nicht auf, er offenbarte sogar eine Schlichtheit, die mit den Konzerten kaum in Übereinstimmung zu bringen war. Manchmal ist also das Ganze kleiner als seine Einzelteile.

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