Bettye LaVette.
+
Bettye LaVette.

Soul

Bettye LaVette „Blackbirds“:Widerhaken in der Stimme

  • vonPhilipp Kause
    schließen

Die Soul-Sängerin Bettye LaVette haucht Klassikern neues Leben ein.

Bettye LaVette ist die Marianne Faithfull der Soulmusik. Ihre neue Platte „Blackbirds“ erscheint über Verve, das traditionsreiche Jazzlabel des Universal-Konzerns. Neben Blues und Soul pflegt die Grande Dame, die seit 1962 aufnimmt, die Gattung der Vocaljazz-Balladen. „Drinking Again“, majestätisch interpretiert, stammt aus dem Jahr, als sie anfing. LaVette reduziert es weitgehend auf Bass und Schlagzeug, mit dezenten Melodie-Akzenten. Bekannt wurde die Nummer einst dank Dinah Washington. Frank Sinatra nahm sie mehrmals auf. Um solche Standards geht es auf „Blackbirds“, um Coverversionen.

Textlicher roter Faden sind die melancholischen, bluesigen Momente, stilistisch ist man dem sumpfigen Sound der US-Südstaaten verhaftet. LaVette ist Meisterin darin, Liebeskummer zu vertonen. Wenn sie hier „drinking“ auf „thinking“ reimt, Alkohol die Gedankenschleifen des Liebeskummers wegspülen soll, dann überzeugt sie getreu dem Motto „It’s the singer, not the song“ mit brüchiger, knisternder Intonation. Die McCartney-Komposition „Blackbird“ über die schwarze Amsel vom weißen Beatles-Album nahm selten so theatralen Charakter an. Bettye Lavettes Gesang trumpft da als Mischung aus Gurgeln, Krächz-Schluchzen, Röcheln, Raspeln und Quäken auf. Die Künstlerin erprobte diese Nummer jahrelang live und entschied sich, sie aus der dritten Person in ihren Ich-Blickwinkel umzutexten. Ob die Figur in LaVettes leidensvoller Darbietung die Freiheit erringt?

Die selbstgestellte Aufgabe der Sängerin liegt wohl im Durchleiden von Schwäche, Scheitern, Kontrollverlust – stellvertretend für uns, da ist sie wie eine Theaterdarstellerin. Sie trat lange am Broadway auf. Hingebungsvoll kanalisiert sie Schmerz, was einer ihrer berühmtesten Fans, Jon Bon Jovi, so empfindet: „Sie lebt in jedem ihrer Songs.“

Doch wer war sie gleich wieder, jene Bettye Jo Haskins, 74, Künstlername LaVette? Wer bei den Betties den Überblick verloren hat: Gleichaltrig sind Bette Midler, die im Film „The Rose“ Janis Joplin verkörperte, und Betty Davis, kurzzeitige Ehefrau von Miles, famose Soulsängerin. Die tolle Funk-Produzentin Betty Wright („Clean Up Woman“) verließ uns im Mai für immer. Die „Shoop Shoop“-Betty Everett rundet manchen Soul-Sampler ab, und auch die verträumt-laszive Betty Padgett war super.

Sie pflegt das Kantige

Bettye LaVette und all diese Betties eint Soul-Affinität und bestechende Intensität. LaVette aber hatte nie einen Hit. Sie entzog sich populären Musiktrends, pflegte kantige, raue Momente und den Rhythm’n’Blues. Immerhin wurde sie in die „Blues Hall of Fame“ aufgenommen. Erst im Mai wurde sie eines der wenigen weiblichen Mitglieder in der 421 Main Street, Memphis. Dort sind nun wirklich fast nur „echte“ Blueser vertreten: Ikonen, die sich auf die Südstaaten-Wurzeln aller späteren Black Music aktiv beziehen.

Auf LaVettes „Blackbirds“-Album schwingt jener Sumpfsound von Memphis vor allem in der bassschwangeren Nummer „Blues For the Weepers“ sowie bei „In the Dark“ mit, einem Standard der 40er Jahre, den sie hier jazzfunkig darbietet. Das Dreckige des Mississippi-Feelings hört sich hier zugleich edel wie Cocktail-Jazz an, und das reizt doch sehr. Die Bassspur geht auf den beiden Tracks unerbittlich in die Tiefe. Die Keyboard-Akkorde schieben sich wie tektonische Platten an-, gegen- und übereinander, wabbeln behände, klemmen schwerfällig. Rhythmus, Stimme und instrumentales Spiel verschmelzen elegant, obwohl die Musik Widerhaken und etwas Kratziges birgt. Bettye LaVette covert zwar „nur“, doch sie „schreibt“ mit ihrer Stimme die Songs neu.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare