Zitadelle

Beth Hart in Mainz: Ganz oben auf der Achterbahn

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Die relativ genial singende Beth Hart macht an der Mainzer Zitadelle unheimlich Dampf, aber auch kleine Späße.

Beth Hart ist nicht der Dalai Lama. Für die wiedergeborene Janis Joplin könnte man sie aber doch halten. Einmal zeitlich: Janis Joplin starb Oktober 1970, Harts Geburt erfolgte Januar 1972, also müsste Seelen-Joplin nicht lange im Äther geschwebt sein, bis sie sich langweilte und ein neues Blues-Gefäß erwählte. Noch jung, verkörperte Beth Hart Janis Joplin im Musical und weckte seither schon mal den Anschein, als sei ihr die für 1A-Blues-Rockröhren vorgeschriebene Folklore aus Drogen-Tal und Stimmungs-High auf der Achterbahn des Lebens auf den Leib geschneidert. Ihre hardrockige Bluesstimme gar bezeugt, nun ja, göttliches Zutun.

Gut für das Publikum an der Mainzer Zitadelle, das sich nach dem Vorglühen durch Eamonn McCormack und auf Band von psychedelischen Revoluzzer-Klassikern aus Janis Joplins Zeiten wie Jefferson Airplane umgehend packen ließ. Der immersatte Sound wurde von der Rock-klassischen Band aus John Nichols, Bob Marinelli und Bill Ransom bedient.

Der nicht zu heiße Abend entfaltete ein Stimmungs-Helterskelter nicht ohne Anflüge von Trauerkloßigkeit. Springteufelchen Hart legte in dekorativ löchrigen Jeans und reizvollem Jäckchen unkompliziert los mit dem Opener „Something’s Got a Hold On Me“ und zeigte mit „Close to My Fire“, dass sie gestisch-schlichte Songlinien zu wiegenden Rhythmen draufhat, schmutzigen alten R’n’B-Rock liebt und ihn dank der starken hypnotischen Stimme trägt. Verführerisch schlängelnd tänzelte sie mit „Delicious Sunrise“ und „Let’s Get Together“ durch die Stile und dämpfte die gequälte Sinnlichkeit ihrer Texte manchmal, indem sie Roadie-Ehemann Scott ins Spiel brachte. Für „Love Gangster“, auch nicht von Pappe im Vers, stieg sie ins Publikum, umkurvte den Zitadellen-Weltenbaum und fragte unschuldig: „Am I scaring you?“

Beth Hart singt relativ genial und schreibt ein paar tolle Songs. Nun allerdings kam Tom Waits’ humoriger „Chocolate Jesus“ zum Einsatz. Von „One-Eyed Chicken“ an sah man Hart an den Keys im Pianosound, was sich über gestisch-schwerfüßige bis emphatisch-eingängige Rhythmen und die Strand-Atmo von „Coca Cola“ zum kraftvollen Soul entwickelte („The Mood That I’m In“). Alles mündete in Widmungs-Lieder mit Kerzen auf der Bühne, die einer Aussegnungskapelle im Wallenebel glich.

„Sister Heroine“ ehrte Beth’ tote Schwester Sharon und forcierte zur langsamen Elegik Harts Zitterstimmen-Variante. Danach tat ihr Geflirte über deutschen „Monsunregen“ vom Vortag gut, denn mit „Mama, This One’s For You“ kam gleich noch ein Schmachtfetzen.

Mit „We’re Still Living in the City“ und Rehab-Geschichten per Ansage dampfte ihr Bekenntnis-Zug allmählich aus, verlor aber noch manchen Passagier. Hart und heftig zur Rettung kamen „Baby Shot Me Down“ und, dreckig-schwer, „Love Is a Lie“. Mehr Kunst und Nuance gab’s im Finale, bevor sich alle zu Zugaben bewegen ließen: Led Zeppelins Hardrock-Hymne „Whole Lotta Love“ und „Caught Out in the Rain“. Gelungener Abend.

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