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Beth Hart in Frankfurt: Zentnerschwere Akkorde

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Von: Volker Schmidt

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Beth Hart: 90 Minuten lang Spaß am Spiel ihrer Band.
Beth Hart: 90 Minuten lang Spaß am Spiel ihrer Band. © IMAGO/YAY Images

Beth Hart begeistert mit Bluesrock und Balladen ihr Publikum.

Ausnahmsweise lohnt es sich, pünktlich da zu sein: Beth Hart hat in der Frankfurter Jahrhunderthalle nicht die sonst übliche mittelbegabte Band als Special Guest dabei, sondern John Oates. Er und Daryl Hall reihten als „Hall&Oates“ in den frühen 80ern Hit an Hit, waren nach Verkaufszahlen erfolgreicher als Simon&Garfunkel. In Frankfurt werden Oates und seine Akustikgitarre von Guthrie Trapp an Cajon und dezenten Rhythmusinstrumenten begleitet. Er spielt vor allem Solo-Songs, Americana, Folk und Blues. Der größte Hall&Oates-Hit „Maneater“ wird zum kaum wiedererkennbaren rauen Reggae.

Man hätte Oates den ganzen Abend zuhören können, aber dann hätte es das Naturereignis danach nicht gegeben. Beth Hart kommt – wie meist – durch die Sitzreihen herein, während vorn ein hervorragendes Trio zentnerschwere Akkorde drischt: John Nichols an der Gitarre, Bassist Tom Lilly und Bill Ransom an den Drums. Es folgen gut anderthalb Stunden Bluesrock und Balladen querbeet aus Beth Harts Schaffen. „Bad Woman Blues“ eignet sich als Überschrift; brav war Hart, Jahrgang 1972, noch nie. In „Fat Man“ besingt sie einen dünnen Drogendealer, so genannt wegen des umfangreichen Mantels, in dem er sein Sortiment in den Park trägt. Hart war lange Kundin bei solchen Typen.

Um die Jahrtausendwende hat Hart in einem Musical über Janis Joplin die Hauptrolle gespielt. Wenn sie singt, schreit, haucht, stöhnt, zischt, wenn sie auf dem Pianostuhl zappelt oder sich beim Singen rücklings auf den Bühnenteppich legt, dann erinnert das in seiner Intensität stark an die legendäre Kollegin. Dass Hart älter wurde als 27, stand nicht in ihren Sternen. Sie kämpft seit der Kindheit mit einer bipolaren Störung; man möchte nicht wissen, welche Abgründe an Depression die Energieausbrüche auf der Bühne sie kosten. Mit dem Frankfurter Publikum, versichert sie gleich zweimal, fühle sie sich sicher. Anfangs etwas steif, lässt sie zunehmend los, hat Spaß am Spiel ihrer Band, am Akustik-Set mit Kontrabass, Percussion und Akustikgitarre, an ihrem eigenen Gesang. Als die neu geschaffene Reggae-Dub-Fassung von „Bang Bang Boom Boom“ bejubelt wird, freut sie sich wie ein Kind.

Zwischen Liedern über Verlust und Schmerz und „The War in my Mind“ erklingt das sehnsüchtige Heimatlied „There’s no Place Like Home“. Es bluest, es rockt, es gospelt; Hart hat auch dank Religion die Abhängigkeit von diversen Substanzen überwunden. Die vom Nikotin noch nicht: Sie nuckelt durchgehend an einem Zigarettenersatzröhrchen, zeigt ihr Nikotinpflaster und wünscht sich Berge von Nikotinkaugummi als Grabbeigabe. „Ich kann es kaum erwarten“, fügt sie hinzu.

Ginge es nach dem Publikum, hätte Hart mehr von ihrem jüngsten Album singen können, auf dem sie Led-Zeppelin-Songs covert. „When the Levee Breaks“ (ein Blues von 1929, von Zeppelin 1971 zusätzlich verewigt) und zum Schluss „No Quarter“ reißen Popos von Sitzen (warum stehen bei einem Bluesrock-Konzert selbst im Parkett Stühle?). Als Zugabe zelebriert sie eine Nummer, die Etta James 1967 zuerst aufgenommen, Beth Hart sich aber erfolgreich angeeignet hat: „I‚d Rather go Blind“.

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