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Morrissey ist ein Fall für die Sparte „Künstler und Werk“, aber sein Album überzeugt.

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Besser als sein Ruf: „I Am Not A Dog On Your Chain“ von Morrissey

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Mit seinen politischen Verwirrungen hat Morrissey die Fans vergrault. Seine neue Platte „I Am Not A Dog On Your Chain“ ist nun allerdings ziemlich gut.

Man muss Morrissey einmal sehr geliebt haben, um ihn jetzt dermaßen hassen zu können. Der Popmusiker aus Manchester, einst Sänger der stilprägenden Band The Smiths hat im Laufe der letzten Dekade seine Fanbasis so gut wie komplett eingebüßt. Seine Platten bleiben liegen, seine immer seltener werdenden Gastspiele in immer kleineren Hallen sind längst nicht mehr ausverkauft. „Viva Hate“ hieß 1988 sein Solodebüt. Es lebe der Hass.

Das Album

Morrissey: I Am Not A Dog On A Chain. Bmg Rights Management (Warner).

Mit seinem großbritannischen Nationalismus und seinen offen zur Schau gestellten Sympathien für die rechtsradikale Partei For Britain hat sich der militante Vegetarier Stephen Patrick Morrissey auf die Nachtseite der Popkommune expediert. Nun macht er aber weiterhin Musik und wenn man seinem künstlerischen Schaffen in früheren Zeiten nicht untertänig gefolgt war, sondern eher mit wohlwollendem Interesse, fällt es einem heute umso leichter, seinen Hervorbringungen trotz allem etwas abzugewinnen. Auch Morrissey ist mittlerweile ein Fall für die Sparte „Künstler und Werk“ geworden. Kann man das trennen, soll man es trennen? Am Ende muss das jeder für sich selbst entscheiden.

Morrissey: I Am Not A Dog On A Chain.

Das war jetzt eine lange Vorrede, um schließlich festzustellen, dass sein Album „I Am Not A Dog On A Chain“ ziemlich toll ist. Es geht schon mal gut los. „Jim Jim Falls“ ist eine dieser Morrissey-Nummern in seinem Achtziger-Jahre-Signaturesound mit pluckernden Synthiebeats und einem Melodiebogen, der sich beim Hören mühelos von einem Ohr ins andere wurmt. Dazu gibt es ein paar Zweizeiler in bester misanthropischer Tradition. „If you’re gonna live, then live. Don’t go on about it.“ Wenn du leben willst, dann lebe und rede nicht drüber. „If your’e gonna kill yourself, then, for god’s sake – just kill yourself.“ Wenn du dich umbringen willst, dann, Herrgott, bring dich eben um. So eine Ermunterung aus berufenem Munde kann man jetzt gebrauchen. „Love is on its Way“ bewegt sich im Flow, wieder ein großer Refrain mit ausgebreiteten Armen. Auf diese Art von pathetischem Pop hält er das Patent. Auch wenn es hier textlich dünner wird. „Siehst du die traurigen Reichen, wie sie Elefanten und Löwen schießen?“ Das ist natürlich korrekt, aber, ach, der alte Menschenhasser.

Und wie man sich nun gerade für die restliche Platte auf die Morrissey-Masche einstellt, kommt er mit einer Überraschung. Jedenfalls für alle, die die Vorabsingle nicht kennen. Bei „Bobby don’t you think they know“ lädt Morrissey die Motown-Sängerin Thelma Houston („Don’t Leave Me This Way“) zum Duett und erschafft mit ihr einen Soulpophit von einer Grandezza, wie man es nach seinen kleinformatigen Meckerjahren nicht mehr für möglich gehalten hätte. Der Text ist einigermaßen irre, „Scag, shack, Mexican Mud, Little-joe-in-the snow“ und gerade deshalb so viel treffender als seine larmoyante Selbstbefeierung im Titelsong. Es gibt gute Gründe, Morrissey zu hassen. Aber nicht für dieses Album.

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