Konzert

Beschleunigte Gangart

  • vonBernhard Uske
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Nicolas Altstaedt mit den Cello-Suiten Johann Sebastian Bachs in der Alten Oper Frankfurt.

Tempo war ein herausragendes Merkmal des Auftritts Nicolas Altstaedts mit allen sechs Cello-Suiten Johann Sebastian Bachs bei den Frankfurter Bachkonzerten im Mozart Saal der Alten Oper. Ein Abend, an dem man sich auf die üblichen zwischen 140 und 170 Minuten liegenden Spieldauern für die Bach-Werke-Verzeichnis-Nummern 1007 bis 1012 eingerichtet hatte. Jetzt war nach gut zwei Stunden das Programm, inklusive einer normalen Konzertpausenlänge, beendet.

Natürlich hat der 1982 in Heidelberg als Sohn deutsch-französischer Eltern geborene Cellist, der bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet worden ist und sich auch für den Klimaschutz erwärmt, nicht allein durch extrem schnelles Spielen, sondern auch durch Wiederholungsbegrenzungen diese Zeitverknappung erreicht. Manchmal musste man an den Schleudergang der Waschmaschine bei hohen Umdrehungszahlen denken, wo die eben noch bunt im Wäschebündel gelegenen Teile jetzt zu einer an die Turbinenwand gepressten, streifenförmigen Textilunterfütterung der Trommel transformiert sind. Oft gab es im vollbesetzten Mozart Saal eher flächige Eindrücke. Allerdings auch reizvoll beziehungsreiche, gerieten doch ganze Serien von sequenzierten Intervall-Repetitionen in den meist mit Tanzformen bezeichneten Sätzen dank der Beschleunigung zu reinem Ornament. Schmuckstücke einer gesteigerten Pralltriller-Tätigkeit, die Gedanken an entsprechende Klangformatierungen – eines François Couperin etwa – nahelegen konnten. Französische, höfische Attitüden jedenfalls, die der Bachschen Klanghofhaltung in Köthen einen interessanten Aspekt abzugewinnen in der Lage waren. Auch Assoziationen in Richtung einer melismatisch bestimmten Idiomatik weit östlich gelegener Intonation mochten sich einstellen.

Nicht immer war der alles auswendig Spielende seinen eigenen Tempo-Vorgaben vollkommen gewachsen: Dann gab es verwaschene Stellen oder ein bedingtes Zurückschalten der hohen Gangart. Altstaedt spielte in einer pumphosenartigen Kluft und auf Strümpfen, was sich ob des ohne Standdorn präsenten Cellos schnell erschloss. Zwischen die Beine genommen und von den leicht nach innen gewölbten Fußgelenken locker gestützt, war das Cello als Knie- bzw. Beingeige aus der Familie der Viola da Gamba stammend erfassbar.

Leicht war die Führung des kurzen und weiter zur Mitte hin gefassten Bogens und meist auch licht die Klanggebung, die sich makellos in der Reinheit der Intonation darstellte. Alles rasende Streich- und Schabewerk war sofort vergessen, wenn sich der Satzbau Bachs aus der konstruktiven Homogenität von harmonischem und rhythmischem Gleichmaß in wie motivische Einzelfiguren wirkende Abläufe entwickelte.

Das geschah in den letzten beiden Suiten besonders ausgeprägt und hatte in Altstaedts Spiel eine bis in die feinste Dezenz hinabreichende spezifische Artikulation. Ohne eine Ausdruckshaltung einzunehmen, die mehr tun will als die Noten selber vermitteln: nämlich versonnen sein und zur Ruhe kommen.

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