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Berliner Philharmoniker und Petrenko mit Mahler: Musik aus Gespensternächten

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Von: Judith von Sternburg

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Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern in der Alten Oper. Foto: Stephan Rabold
Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern in der Alten Oper. Foto: Stephan Rabold © © Stephan Rabold

Die Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko mit Mahlers 7. Sinfonie in der Alten Oper Frankfurt

Es ist fabelhaft, dass nun eine große Aufführung von Gustav Mahlers 7. Sinfonie in der Alten Oper Frankfurt nur einen Tag nach der Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“ im Opernhaus stattfand. Das für Mahler- Verhältnisse eine Spur einfach gebaute (C-Dur-)Finale der Sinfonie ist offenbar zu Recht als eine die „Meistersinger“ und ihren Pomp und Wahnwitz vielleicht ein wenig parodierende, jedenfalls auf sie reagierende Musik verstanden worden. Mahler selbst hat bei der Uraufführung in Prag 1908 das (C-Dur-)Vorspiel der „Meistersinger“ vorangestellt. In Prag gefiel das neue Werk ausgezeichnet, in Wien war man dann skeptischer, witterte Hohn und Spott.

Seine radikale Modernität

Heute verblüfft vor allem, dass das Publikum der Vorkriegszeit mit der radikalen Modernität, Freiheit und Kühnheit in allen Belangen – Aufbau, Tonalität, Instrumentierung – zurechtkam. Frappierend sogar noch, dass es heute, gestählt und gewöhnt, damit zurechtkommt. Es ist, als wäre Mahlers Musik sakrosankt, das ist sie natürlich auch; aber wer denkt, dass so viele Menschen diesen Eindruck teilen, die sonst doch rasch zappelig werden, wenn musikalische Strukturen es unsereinem schwer machen.

Und was noch auffällt, wenn man Wagner im Ohr hat (und wenn Ulrike Kienzle im lohnenden Programmhefttext, einem veritablen Gang durch das Werk, auf Schostakowitsch zu sprechen kommt): wie unabhängig, individuell und total unkorrumpierbar Mahlers Musik ist, zu keinem Zwecke auszuschlachten.

Zu Gast im ausverkauften Alte-Oper-Konzert (wo das Publikum weiterhin auf Lücke sitzt) waren die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko: das Orchester ideal für einen Zweck, der alle Mittel verlangt, Blechbläser mit Nerven wie Stahl, perfekte Streichergruppen bis zu den stark geforderten Kontrabässen, einen grandiosen Solobratschisten. Die Stimmung ist ja nächtlich – „Lied der Nacht“ lautet der Beiname, der nicht von Mahler stammt, Mahler steuerte dafür immerhin zwei von ihm auch so genannte „Nachtmusiken“ bei –, aber was für eine geisterhaft lebendige Nacht ist das nur. Ein durchgeknallter Spielmannszug zieht vorüber, Tanzrhythmen erklingen, nicht zu reden von Gitarre (unglaublich) und Mandoline, die sich zur Serenade einfinden, dem Glockengeläut, den Herdenglocken. Nicht nur ist Mahler im Konzertsaal immer hundertmal besser am Platze als unterm Kopfhörer daheim. Petrenko sorgte auch dafür, dass die komplexe Struktur dieser Nachtmusik nie zum Gewölle wurde, immer durchhörbar blieb, ein kompliziertes Gewebe, aber ein Gewebe, kein Klecks.

Petrenko ist dabei ein sympathisch wirkender Dirigent, vergnügt, beweglich, sehr präzise und doch ökonomisch. Manchmal machte er fast nichts, schien er fast nichts zu machen. Hinterher großer Jubel.

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