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Behzod Abduraimov in der Alten Oper: Das Tüftelige, Krasse, Gigantomanische

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Von: Bernhard Uske

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Der Pianist Behzod Abduraimov als brillanter Vermittler in der Alten Oper Frankfurt.

Vor zwei Jahren hätte Behzod Abduraimov sein Debüt in der Alten Oper Frankfurt haben sollen, was Corona verhinderte. Jetzt trat der 31-jährige Usbeke im Mozart Saal auf mit einem etwas veränderten Programm. Statt Johann Sebastian Bachs gewichtigem Adagio BWV 968 erklang „Fantasie nègre“ der seit kurzem öfter zu hörenden Florence Price, die 1887 in den USA geboren wurde und 1953 dortselbst starb. Die erste namhafte afro-amerikanische Komponistin klassischer Musik mit einem umfänglichen Werk, das gerade Interesse findet.

Price war zwar keine Außenseiterin (High School- und New England Conservatory-Absolventin); aber sie stand auch nicht im Zentrum musikbetrieblicher Aktivität. Was schwarzen Sängerinnen – von Marian Anderson bis Grace Bumbry, Reri Grist oder Jessye Norman – spielend gelang, kam in der kreativen Szene des schwarzen Jazz oder der weißen Avantgarde nicht an. Auch nicht beim klassischen Publikum, dafür waren die bürgerlich-spätromantischen, eher gefälligen Intonationen der Künstlerin zu sehr durchdrungen von spiritual-affinen Momenten. Abduraimov präsentierte die 1929 entstandene Fantasie mit viel Schwung bei heftiger akkordischer Rhythmik

Wogende Fingerläufe

Begonnen hatte der Pianist mit einem ebenfalls parareligiösen Werk Franz Liszts: „Bénédiction de Dieu dans la solitude“ von 1853. Dem „Segen Gottes in der Einsamkeit“, wo gleichfalls ein Schwung und ein Flug der wogenden Fingerläufe mit einer Art hymnischem Cantus firmus einhergehen.

Brillant wurde das vermittelt ebenso wie Sergej Rachmaninows bekannte Corelli-Variationen. Die hatte der in die USA emigrierte Russe 1931 komponiert und dabei das bei Corelli nach allen Regeln der frühbarocken Kunst variierte Thema seinerseits ins spätromantisch Raffinierte, Üppige und teils Gigantomanische ausgearbeitet.

Das war wie ein Vorgeschmack auf Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, die man ja eigentlich nur noch in der – allerdings kongenialen – Orchesterfassung Maurice Ravels zu hören bekommt. Abduraimov bot das Spektrum an Herbheit, Bizarrerie und Wuchtigkeit dieser autochthon-russischen Musiksprache Mussorgskys, das hier gefordert ist, umfänglich. Die krassen Wechsel von tüfteliger Kleinteiligkeit und schärfster Diktion samt donnerndem Tastenbeben kamen monochrom zur Geltung. Und dass der von Glockenintonationen umrauschte Choral im letzten Bild – „Das Heldentor (in der alten Hauptstadt Kiew)“ – einmal eine aktuelle politische Note bekommen könnte, war nicht nur vor zwei Jahren unvorhersehbar.

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