Jeffrey Chings "Das Waisenkind" in Erfurt

Begegnung mit den Ahnen

Derzeit in Erfurt zu sehen: Was passiert, wenn jemand ein Libretto in sechs Sprachen verfasst wie Jeffrey Chings in "Das Weisenkind" und dazu noch eine komplexe Musik serviert ist jetzt in Erfurts Oper zu hören.

Von Joachim Lange

Man lebt gefährlich als Opernfigur in Jeffrey Chings "Das Waisenkind": Am Ende sind nämlich alle tot in dieser Geschichte aus dem alten China. Und ob jenes titelgebende Waisenkind wirklich noch lebt, wenn es auf seinem gerade erklommenen Thron von Geistern aus dem Totenreich umgeben ist, das ist auch noch die Frage.

Mit Müh und Not ist der junge Mann als Neugeborenes in der Obhut des positiven Helden der Geschichte einem politisch motivierten Massaker entkommen, dem seine komplette, weit verzweigte Familie zum Opfer fällt. Den beherzt eingreifenden Retter, den Arzt Cheng Ying, gibt es als Bühnenfigur gleich doppelt, als Sprecher (Peter Umstadt) der deutschen Übersetzungen und als Tänzer (Julien Feuillet-Dolet).

Er enthüllt denn auch die Pointe nach der Pause selbst. Da erfahren wir, dass er das inzwischen zum jungen Mann herangewachsene Kind dem Oberbösewicht Dag-Ngans-Kagh (Sebastian Pilgrim) als seinen eigenen Sohn untergejubelt hat.

Auf die Rettung folgt nun die Rache. Und zwar auf die im alten China gängige, brutalstmögliche Weise durch die organweise Zerlegung des Delinquenten in aller Öffentlichkeit. Mit dieser makabren Anatomiestunde (ausführlich zelebriert, wie mittlerweile in jeder gängigen TV-Krimi-Pathologie, nur ausführlicher und samt musikalischer Bedeutungserklärung für jedes Organ) schließt diese blutrünstige Geschichte von Mord und Rache, geraubter und wiedergefundener Identität.

Was Jeffrey Ching hier zu seinem selbst verfertigten sechssprachigen Libretto nach historischen Vorlagen komponiert hat, ist nun aber nicht einfach nur noch eine Literatur-Oper, die diesmal aus der etwas exotischeren Ecke kommt. Es ist schon der bewusste und klug durchdachte Versuch, wenn nicht des Dialoges, so doch einer Konfrontation der Kulturen.

Der aus einer chinesischen Familie stammende, 1965 in Manila geborene, in England aufgewachsene, dort und in Harvard ausgebildete, jetzt in Berlin lebende Komponist und studierte Sinologe hat sich tatsächlich auf den halsbrecherischen Versuch eines globalen Brückenschlages über die Kontinente und Zeiten hin eingelassen.

Die uralte chinesische Gruselgeschichte, die im 6. Jahrhundert vor Christus real passiert war und die es im 16. Jahrhundert in den Kanon der chinesischen Literatur schaffte, hat eine europäische Rezeptionsgeschichte, an der immerhin Größen wie Metastasio, Voltaire oder Goethe beteiligt waren. Im musikalischen Binnendialog seiner Nummernoper greift Ching das auf, in dem er immer wieder asiatische Klangbilder mit einer beispielsweise Purcell oder Rameau anverwandelten Musiksprache konfrontiert.

Für Chings komplexe Musik ist das sonst nicht einmal mehr 60-köpfige Erfurter Orchester auf 80 Musiker aufgerüstet worden. Mit zum Teil exotischen Instrumenten (vom Ondes Martenot über Glasharmonika, diverse Varianten von Gongs und Tamtams bis zur E-Gitarre) und einer imponierenden Schlagwerk-Installation, die auf einem Gerüst über die ganze Bühnenbreite verteilt, von sechs Musikern separat bedient wird. Zur vollen Klangpracht entfaltet sich das Ganze in einem Orchesterstück (Nr. 18): Da schichtet sich in einer Geisterszene ein ausuferndes, opulent flirrendes und eskalierendes Klanggebilde in die Tiefe der Zeiten und des Raumes.

Obendrein ist bei der Begegnung des erwachsenen Waisenkindes (das Ching für seine Ehefrau Andión Fernández passgenau geschrieben hat) mit den Geistern seiner ermordeten Ahnen und Retter eines der wohl schönsten Quintette der modernen Operngeschichte gelungen. Sonst lebt die Musik, die kaum einen grundsätzlichen Stimmungswechsel mit großen anhaltenden Steigerungen bereithält, von ihrer Unterschiedlichkeit und dem oft schroffen Wechsel.

Auch wenn die bewusst dem chinesischem Satzbau hinterher holpernde, meist in den Gesang hinein gesprochene Übersetzung auf die Dauer etwas nervt, so gehört sie doch zu dem das Bruchstückhafte überwölbenden Ganzen, das sich vor allem durch die stilisiert barocke Ästhetik von Markus Meyers Gassenbühne, Sven Bindseils opulentem Kostüm-Mix aus barocker europäischer Pracht und fernöstlicher Exotik einstellt. Die ermordeten Eltern des Waisenkindes Arfisa (Marisca Mulder) und Osmingti (Denis Lakey) scheinen Versailles entsprungen, der hilfreiche Hofbeamte Alsingo (Marwan Shamiyeh) oder der General Etan (Máté Sólyom-Nagy) sind eher von Peking-Oper oder Nô-Theater inspiriert.

Theaterblut braucht Jacob Peters-Messer trotz der vielen Toten nicht. Wer gemeuchelt wird, der verliert ganz wörtlich sein Gesicht und wer als Geist wieder auftaucht, dessen Kostüme haben sich ins Aschgrau-Schwarze verwandelt.

Auch wenn man sich bei dieser Thematik einen noch weiter in die Gegenwart ausgreifenden Brückenschlag vorstellen kann - für eine Uraufführung hat Peters-Messer die richtige Tonlage getroffen. So wie der erste Kapellmeister des Erfurter Orchesters Samuel Bächli und das durchweg mit Entdeckerlust auf diese Zeit-, Sprach- und Kulturweltreise ziehende Ensemble.

Für den Erfurter Intendanten Guy Montavon gehören Uraufführungen seit zehn Jahren zum Programm, in jeder Spielzeit auf der großen Bühne und mit aller Kraft. Damit dürfte er ziemlich allein dastehen. Das ist natürlich riskant, aber diesmal hat sich der Mut zum Dienst an der Gattung gelohnt.

Theater Erfurt: 6. www.theater-erfurt.de

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