Beethoven

Empfindsamkeit braucht keine Nähe

  • Judith von Sternburg
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Viel Beethoven in der Alten Oper Frankfurt: das erste Museumskonzert und das Duo Capuçon/Armstrong.

Vier Museumskonzerte an zwei Tagen, am zweiten außerdem drei Termine mit Renaud Capuçon und Kit Armstrong: Die Alte Oper Frankfurt versucht redlich, möglichst vielen Menschen Gelegenheit zu geben, Musik zu hören. Der neue Intendant Markus Fein machte vor den Konzerten noch einmal auf die verbesserte Lüftung der Säle aufmerksam. Trotz der drastisch verringerten Kartenzahl scheint das Publikum noch etwas scheu zu sein.

Am späten Montagnachmittag also zuerst ein reines Beethoven-Programm mit dem Museumsorchester unter seinem Chef Sebastian Weigle, der Alondra de la Parra ersetzte (die mexikanische Dirigentin konnte nicht reisen, auch in dieser Hinsicht beeinflusst die Pandemie den Konzertbetrieb immens).

Der in Frankfurt lehrende ukrainische Pianist Alexej Gorlatch war der Solist in Ludwig van Beethovens 4. Klavierkonzert, mit dem extrem luftig sitzenden und auch luftig besetzten Orchester entwickelte sich ein hingetupftes, leichtes, quicklebendiges Zusammenspiel. Fahl der Beginn des Andante, durchaus wuchtig der Schlusssatz, alles aber ohne Derbheiten. Der Klang besonders stereomäßig, aber der Disziplin und feinen Ausarbeitung stand das nicht im Wege, ein ungewöhnliches Hörerlebnis, zumal man sich an die atemberaubende Stille im lose gefüllten Saal noch nicht richtig gewöhnt hat. Gar nicht still Gorlatchs rauschende Chopin-Zugabe. Einmal wieder eine Zugabe zu hören: welch schöner Hauch von Normalität.

Empfindsamkeit braucht offenbar nicht immer Nähe. Auch in der sich ohne Pause anschließenden 1. Sinfonie arbeiteten Weigle und das Orchester mit deutlichen Kontrasten, die sich aber scheinbar ganz beiläufig – es ist ein besonderes Vergnügen, Weigle beim Beethoven-Dirigieren zuzuschauen – aus dem organischen Geschehen ergaben. Schon einen so coolen Schluss zu erleben, zu dem neben dem Klang das lakonisch straffe Abwinken des Dirigenten gehört, lohnt den Besuch in einem Konzertsaal.

Solisten im Duett

Fabelhafte Schlusswendungen auch vier Stunden später im Mozartsaal mit dem Duo Capuçon / Armstrong, das nach einem kleinen (also noch kleineren, nämlich halbstündigen) Lunchkonzert und einem ersten Abendtermin zum dritten Mal spielte. Auch hier gab Beethoven den Ton an. Die 1. und die 15 Jahre später begonnene 10. (letzte) Violinsonate rahmten Arnold Schönbergs Fantasie für Violine mit Klavierbegleitung. Vielleicht weil auch Schönberg sich explizit und unkonventionell für das Verhältnis zwischen beiden Instrumenten interessierte, war die Verbindung plausibel, nein, nicht nur plausibel, sondern bestrickend. Schönberg machte deutlich, wie modern Beethoven ist – nicht nur, aber erst recht der Komponist der 10. Sonate –, eine Musik aus einem dur-moll-tonalen, aber mit Schönbergs Zwölftonmusik doch verwandten Universum. In der Musik herrschen Gesetze und Gefühle, es sind nur ganz unterschiedliche. Auch der französische Geiger und der amerikanische Pianist spielten Schönberg nicht in dem Sinne „anders“ als Beethoven. Noch aufmerksamer mussten sie sein.

Dass man zugleich zwei fulminante Solisten hörte, beide raumgreifend, zutiefst energiegeladen, behinderte ihr Duett nicht. Die Gleichwertigkeit beider Partien wurde durch ihre einander zugewandte Virtuosität vielmehr bekräftigt. Die 14 Jahre Altersunterschied zwischen beiden Musikern zeigten sich allein darin, dass Capuçon Papierseiten umblätterte und Armstrong über den Laptop strich.

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