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Eine andere, gegenwärtig unwahrscheinlich wirkende Variante: Mehr als 5000 Menschen singen mit im Finalsatz von Beethovens 9. Sinfonie in Tokio, 2004.
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Eine andere, gegenwärtig unwahrscheinlich wirkende Variante: Mehr als 5000 Menschen singen mit im Finalsatz von Beethovens 9. Sinfonie in Tokio, 2004.

Silvester

Die frischen Neunten von heute

  • vonStefan Schickhaus
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Zwei interessante Aufnahmen mit Ideen und Gänsehaut-Moment, dazu Streams: Nicht auf jede Jahresendroutine muss man verzichten.

Was dem Neujahrstag seine Strauß-Walzer sind, ist dem Jahreswechsel Beethovens Neunte. Seit Arthur Nikisch diese Sinfonie mit dem Weltumarmungs-Chorschluss für den letzten Tag des Jahres 1918 und damit das erste Silvester nach dem Ersten Weltkrieg aufs Programm des Leipziger Gewandhauses setzte, gehört sie dort sowie in unzähligen weiteren Konzertsälen zum finalen Standard-Repertoire. Eigentlich. Dieses Jahr natürlich nicht.

Neu erschienen im Beethoven-Jahr 2020 sind zwei Aufnahmen, die als Alternative herhalten können zum unmöglichen Live-Event. Die eine stammt aus dem Hause Harmonia Mundi, das von allen Major-Labels wohl das gezielteste Programm zum Beethoven-Jubiläum gefahren hat – ein Teil nur sind die Neueinspielungen aller Sinfonien, die jeweils in Beziehung gesetzt werden zu Werken von Beethoven-Zeitgenossen wie Mehul, Gossec oder Wranizky. Zu hören sind dabei führende Originalklang-Orchester, im Falle der Neunten das Freiburger Barockorchester unter der Leitung von Pablo Heras-Casado.

Und dazu noch eine Perle

1978 war ja angeblich die Spieldauer eine Compact Disc auf 74 Minuten festgelegt worden, damit eine recht langsame Furtwängler-Aufnahme auf der neuen Wunderscheibe gerade noch so untergebracht werden konnte – eine frische Neunte von heute wird allerdings in gerade einmal einer Stunde abgefeiert, und es wäre noch Platz für die Vorstudie zur finalen Chor-Sinfonie, nämlich die Chorfantasie op. 80 – hier spendierte das Label dann doch eine eigene Zusatz-CD dafür. Und die wird zur Perle, denn sie gehört einem der eigenwilligsten Beethoven-Werke überhaupt.

Eines, das man einfach lieb haben muss in seiner so unkonventionellen Anlage aus einem wie aus dem Stegreif klingenden Klaviersatz (Kristian Bezuidenhout, herrlich improvisatorisch am Fortepiano), wirkungssattem Orchester und – man wartet schon ewig darauf – für die letzten paar Minuten sich ins Gehör schmeichelnden Chor (Zürcher Sing-Akademie) mit wunderbar blumigem Text über die Harmonie des Lebens. Wenn man sich die große Neunte für die besonderen Tage und Momente aufheben möchte, ist die kleine Chorfantasie ein würdiger Stellvertreter für jeden Tag.

Auch wenn es schade wäre, den großen pathetischen Bruder nur einmal im Jahr aus dem Schrank zu holen: Es hätte Vorteile. Zum einen bliebe die Neunte das, was sie schon immer war, nämlich die unbekannteste der neun Beethoven-Sinfonien, zumindest den ersten drei Sätzen nach. Zum anderen könnte man sich immer wieder aufs Neue überraschen lassen von dem hier so großartig gelungenen Alla-Marcia-Einsatz, wenn im Finalsatz die Janitschareninstrumente hinzukommen (zum „Froh, wie seine Sonnen fliegen“), allen voran die dumpfe große Trommel.

Die Alben

Pablo Heras-Casado/Freiburger Barockorchester u.v.m.: Symphonie Nr. 9 / Chorfantasie op. 80. Harmonia Mundi. Hinrich Alpers: Beethoven/Liszt Symphonies Nos. 1-9. Piano Transcriptions. Sony Classical.

Weder bei John Eliot Gardiner noch bei Roger Norrington klingt dieser Stimmungsumschwung so trocken, plakativ und verstörend. Das ist einer der Gänsehaut-Momente dieser Neunte-CD. Die Chorfantasie-CD allerdings ist der kompaktere, der eigentliche Überraschungsmoment.

Die zweite neue Neunte ist nur im Gesamtpaket zu haben: Der Pianist Hinrich Alpers spielt alle Beethoven-Sinfonien in der Klavierfassung von Franz Liszt. Der hatte 1837 zunächst die Fünfte und Sechste auf die Tasten gelegt und etliche Jahre später auf Verlegerwunsch die Sammlung komplettiert. Wer hier nun den Namen Liszt hört und donnerndes Klaviervirtuosentum erwartet, wird überrascht sein: Natürlich sind diese „Klavierpartituren“ (Liszt grenzte das dezidiert vom „Klavierauszug“ ab) spieltechnisch schwer, aber der Satz ist keinesfalls aufgeblasen und mit Effekten aufgeladen im Stil der Romantik. Zu hören gibt es wirklich nur eine Beethoven-Essenz, und diese klare Linie betont auch Alpers. Gerade die frühen Sinfonien haben beinahe Studiencharakter, sind nüchtern, der Zuhörer imaginiert kein Orchester. Es ist Klaviermusik geworden, eine erstaunliche Mutation, von Liszt angelegt, von Alpers gewissenhaft umgesetzt.

Mit der Neunten nun wagten Hinrich Alpers und das Label Sony Classical eine CD-Premiere: Sie ist in dieser Liszt-Fassung zum ersten Mal mit Chor (dem Rias-Kammerchor) und Solisten realisiert worden. Es wurde ein Balanceakt: Der Chor hält sich dezent zurück, dem Klavier gelingt die Binnenspannung, die Solisten dürfen dagegen endlich einmal entspannt agieren, kein Kraftakt nötig. Es ist ein delikates Chorfinale, alleine von innerer Größe. Aber wie sagte schon Adorno: „Humanität trumpft nicht auf.“

Und was gibt es im Gewandhaus am Silvestertag 2020? Die Neunte natürlich, als Stream. Ab 15.30 Uhr zu hören, und zwar in der ersten Liszt-Fassung für zwei Pianisten. Coronagerecht ohne Sängerinnen und Sänger, dafür mit dem Solo-Pauker des Gewandhausorchesters, der Beethovens originale und höchst prägnante Paukenstimme spielt. Die Kombinationsmöglichkeiten, sie sind eben unendlich.

Gewandhaus-Konzert, 31.12., 15.30 Uhr: https://www.gewandhausorchester.de/stream/

Auch die Symphoniker Hamburg senden am 31.12., 16 Uhr, eine Neunte aus der Laeiszhalle, Sylvain Cambreling dirigiert – den 4. Satz gibt es ohne Chor, dafür mit einer „musikalisch-theatralen Aktion“ von Christoph Marthaler. www.symphonikerhamburg.de

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