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Der Mechaniker Johann Nepomuk Maelzel baute diese Hörinstrumente für Beethoven.
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Der Mechaniker Johann Nepomuk Maelzel baute diese Hörinstrumente für Beethoven.

Taubheit

Beethoven, der schwierige Patient

  • Valerie Eiseler
    vonValerie Eiseler
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Die Krankenakte Ludwig van Beethovens ist detailliert wie kaum eine andere der Zeit. Doch seine Taubheit stellt die Medizin noch immer vor Rätsel.

Die große, tragische Erzählung vom tauben Musiker Ludwig van Beethoven lässt wenig Raum für die Details seiner Krankheit. Details, die bis heute ein fasziniertes Publikum finden, denn auch die moderne Medizin steht im Fall Beethoven noch vor einigen Rätseln.

Dabei ist die Krankenakte des Komponisten insbesondere für damalige Verhältnisse enorm detailliert. Was heute über Beethovens Beschwerden bekannt ist, stammt dabei größtenteils aus seinen persönlichen Notizen oder Korrespondenzen mit Freunden und Bekannten. Zweifel an Beethoven als zuverlässigem Erzähler und Lücken im damaligen medizinischen Wissen lassen weiterhin viel Raum für Interpretation.

„Der neidische Dämon hat meiner Gesundheit einen schlimmen Streich gespielt, nämlich mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden“, schrieb der damals 31-Jährige im Juni 1801 an den befreundeten Arzt Franz Gerhard Wegeler. Seine vertrauensvolle Freundschaft zu Wegeler war eine Besonderheit, da Beethoven bei weitem nicht der einfachste Patient war und aus seinem Misstrauen gegenüber den Medizinern keinen Hehl machte. Mehrfach beschwerte er sich über die vermeintliche Inkompetenz seiner wechselnden Ärzte und widersetzte sich deren Ratschlägen – insbesondere wenn es um die Reduzierung seines Alkoholkonsums ging. Eine schwere Leberzirrhose zählte dann auch zu den Todesursachen.

Beethoven litt neben seinem Hörverlust an einer ganzen Reihe körperlicher Beschwerden. Diverse Ärzte verschrieben dem VIP-Patienten die verschiedensten Heilmittel: Mandelöl, Salben und in Meerrettich getunkte Baumwolle gegen sein Ohrleiden und die damit verbundene, schmerzhafte Geräuschempfindlichkeit, lauwarme Donaubäder gegen seine Unterleibsschmerzen. Aus heutiger Sicht ist es wenig überraschend, dass Resultate weitestgehend ausblieben.

Allerdings wäre eine bessere Behandlung zum damaligen Stand der Wissenschaft kaum möglich gewesen, argumentieren Bernhard Richter und Claudia Spahn im kürzlich veröffentlichten Tagungsbericht „Ludwig van Beethoven: der Gehörte und der Gehörlose. Eine medizinische-musikalische-historische Zeitreise“. Gemeinsam leiten Richter und Spahn das Freiburger Institut für Musikermedizin. Diese beschäftigt sich seit rund 40 Jahren mit der Behandlung von Musikerinnen und Musikern in den Bereichen Stimme, Hören, Bewegung und Psyche. Ihrer Einschätzung nach haben Beethovens Ärzte nach dem seinerzeit neuesten Stand der Medizin gehandelt. Doch eine spezifische Therapie für Ohrerkrankungen wurde erst weitaus später, Mitte des 20. Jahrhunderts, entwickelt. Aus Beethovens Frustration, so Spahn und Richter, habe eine sehr verbreitete, wenn auch naive Vorstellung von Medizin gesprochen: Er erwartete eine Wunderheilung. Erst als er 1802 vergeblich eine Kur machte, gestand er sich im „Heiligenstädter Testament“ ein, keine Hoffnung auf Genesung mehr zu haben.

Inzwischen ist sowohl über die Funktionsweise der Ohren als auch die Behandlung von Schwerhörigkeit mehr bekannt, doch bis heute herrscht Uneinigkeit darüber, ob Beethovens Schwerhörigkeit hätte geheilt werden können. Denn obwohl inzwischen operative Schritte – etwa die Implantation von Hörgeräten oder Soundprozessoren – möglich wären, bleibt das größte Hindernis eine definitive Diagnose. Was genau hat die Taubheit des Komponisten ausgelöst? Die Erklärungen reichen von Infektionskrankheiten, hervorgerufen durch Erreger wie Typhus oder Syphilis, Knochenerkrankungen wie Otosklerose, bis hin zu den Folgen einer chronischen Bleivergiftung. Nur die Bleivergiftung und die Leberzirrhose konnten bei Beethovens Obduktion tatsächlich nachgewiesen werden, erstere höchstwahrscheinlich eine Folge der vielen mit Blei versetzten Heilmittel, die Beethoven zu sich nahm. Eindeutig ist das mit Blick auf die Taubheit alles nicht.

Selbst den Beginn seines Hörverlusts zu datieren, gestaltet sich trotz der erhaltenen Notizen schwierig. Verschiedenen Interpretationen zufolge muss Beethovens Gehör zwischen 1789 und 1796 angefangen haben nachzulassen, bis es im Laufe der Jahre zu einer völligen Ertaubung kam.

Doch selbst das ist umstritten: Der US-amerikanische Beethoven-Historiker Theodore Albrecht geht davon aus, dass der Komponist bis zu seinem Tod einen kleinen Teil seines Hörvermögens behielt. Das schließt Albrecht aus der Übersetzung von Beethovens Konversationsheften, die der ertaubende Musiker in Gesprächen einsetzte. Albrecht nimmt beispielsweise an, dass Beethoven, anders als gemeinhin angenommen, auch noch bei der Uraufführung seiner 9. Symphonie im Mai 1824 nicht komplett ertaubt war. Auch zwei Jahre später habe er seine letzte Uraufführung, die des Streichquartetts op. 130, wohl noch in Teilen hören können. In seinem entsprechend betitelten Werk „Der hörende Beethoven“ betont Albrecht, dass Beethoven schließlich auch mit seiner starken Beeinträchtigung noch lange dirigieren konnte.

Freilich litt Beethoven ja genau an dieser Situation über die Maßen: praktisch und psychisch. Zu Recht musste er fürchten, dass die Taubheit seine Karriere als professioneller Komponist beenden würde (wie es bei seiner Tätigkeit als Pianist bereits der Fall war). In diesem Sinne ist nicht auszuschließen, dass Beethoven seine Hörfähigkeiten in den Konversationsheften etwas positiver darstellte, als sie zu diesem Zeitpunkt waren. Zugleich zog er sich, begleitet von Suizidgedanken, immer tiefer in die Isolation zurück und mied Gesellschaft, damit sein Leiden unentdeckt bliebe.

Letztendlich konnte er auch nicht verhindern, dass die Öffentlichkeit von seinem nachlassenden Hörvermögen erfuhr. Hörrohre, die der Mechaniker Johann Nepomuk Mälzel speziell für den Komponisten anfertigte, sollten Abhilfe schaffen. Die kegelförmigen Rohre dienten zur Schallverstärkung, doch Beethoven halfen sie wohl nur mit mäßigem Erfolg. Laut Historiker Albrecht warnte der Komponist gar vor deren Einsatz. Nur durch deren Enthaltung habe er ein wenig Hörvermögen in seinem linken Ohr erhalten können, so die handschriftliche Notiz in einem seiner Konversationshefte.

Dass ihm bis zu seinem Tod dieser Rest an Gehör blieb, legt die Anekdote des Arztes Gerhard von Breuning nahe. Als Beethovens jüngere Schwester zu Tisch einen kindlichen Schrei von sich gab, soll der Komponist vor lauter Freude, dieses eher unangenehme Geräusch gehört zu haben, glücklich gelacht haben.

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