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„Die Tatsache, dass er nie verheiratet war, hat seine Lebensqualität sehr beeinflusst.“ Gary Oldman im Film „Ludwig van B. – Meine unsterbliche Geliebte“ von 1994.
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„Die Tatsache, dass er nie verheiratet war, hat seine Lebensqualität sehr beeinflusst.“ Gary Oldman im Film „Ludwig van B. – Meine unsterbliche Geliebte“ von 1994.

Interview

„Großes Leiden schafft große Werke, dachte man“

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Der belgische Dirigent und Biograf Jan Caeyers über Konstruktionen, Stilisierungen und über Beethoven, der einfach Beethoven war.

Herr Caeyers, in den Gesprächen über den Beethoven-Geburtstag habe ich in der Redaktion permanent Goethe statt Beethoven gesagt. Eine Fehlleistung, aber sie betrifft die beiden Über-Ichs der klassischen deutschen Kultur. Im Buch schildern sie die persönliche Begegnung der beiden 1812, Beethoven Anfang 40, Goethe gut 20 Jahre älter, als „historisches Rendezvous“. Wurde das damals schon so gesehen?

Das hat immer zwei Seiten: Wie haben sie es selbst gesehen, wie hat es die Umwelt gesehen. Was wir wissen: Beethoven hat sich wahnsinnig gefreut über diese Begegnung. Goethe war für ihn ein Riese. Goethe dagegen war sich im Klaren darüber, dass es einen Komponisten Beethoven gab, aber sein Interesse hielt sich, wie bei Musik insgesamt, in Grenzen. Dass das Treffen später als „epochal“ galt, dürfte beiden nicht bewusst gewesen sein.

Goethe schreibt danach, Beethoven sei „leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit“. Sagt das mehr über Goethe oder mehr über Beethoven?

Ich denke schon, dass Beethoven so gewirkt hat, andererseits war Goethe sicher eher ein Diplomat. Beethoven war tatsächlich sehr authentisch, sehr überzeugt und dann auch sehr direkt in seinen Aussagen. Erst später ist daraus ein neuer Künstlertypus konstruiert geworden. Beethoven selbst war einfach Beethoven.

Beide waren auf ihre Weise das Maß der Dinge für die Kommenden, aber war Beethoven es womöglich noch mehr?

Wer seither eine Sinfonie schrieb, hatte den Schatten Beethovens über sich. Er war ein Orientierungspunkt für die, die ihm nacheiferten, und für die, die sich gegen ihn zur Wehr setzen. Bei Goethe war das komplizierter, weil er selbst und auch sein Werk selbst widersprüchlicher wirken. Beethovens Musik hat sich zwar entwickelt, aber es war immer Beethoven. Sein Werk ist ein Monument.

War Beethoven eine tragische Figur?

Ihm sind Dinge passiert, die man tragisch nennen muss. Das beste Beispiel ist natürlich seine Ertaubung. Für den Menschen war das unglaublich tragisch. Für den Künstler aber war das ein Segen.

Wie bitte?

Ohne seine Krankheit hätte er vermutlich eine viel normalere Karriere gemacht. Er hätte eine sehr wirkungsvolle Musik geschrieben, wäre ein Virtuose geworden wie Franz Liszt. Wir werden nie wissen, ob das stimmt, aber wahrscheinlich wäre seine Musik für die Menschheit dann nicht so spektakulär gewesen. Dasselbe gilt für die Geschichte mit der unsterblichen Geliebten. Die Tatsache, dass er nie verheiratet war, hat seine Lebensqualität sehr beeinflusst, ohne Zweifel wäre er glücklicher gewesen, wenn er verheiratet gewesen wäre, eine eigene Familie gehabt hätte. Aber für ihn als Komponist war das zölibatäre Leben gut.

Das hätte ich für eine Stilisierung der Nachwelt gehalten, aber Sie sagen: Es ist tatsächlich so.

Beethoven sah es selbst so. Wie ihm zum Beispiel auch klar war, dass 1802 einen Wendepunkt in seinem Leben darstellte.

… das Jahr, in dem auch eine Kur in Heiligenstadt nicht die erhoffte Heilung brachte, im „Heiligenstädter Testament“ drückt er seine Verzweiflung darüber aus. Wobei man sagen muss, dass Beethoven durchaus Beziehungen zu Frauen hatte.

Absolut. Überhaupt ist das Bild vom streng dreinschauenden, leidenden Menschen das des alten Beethoven. Da trifft es auch zu. Dieses Bild wurde dann jedoch generalisiert und idealisiert. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert führte das zu der Gleichung: Großes Leiden schafft große Werke. Beethovens Leiden wurde noch etwas vergrößert und vor allem erweitert: Auch der junge Beethoven musste nun ein Leidender gewesen sein. In den Aufzeichnungen des Bonners Gottfried Fischer über die Kinderjahre, ab 1837, also fünfzig Jahre später, entstanden, ist Beethoven schon ein in sich gekehrtes Kind. War Beethoven ein in sich gekehrtes, wunderliches Kind?

War er es?

Nach allem, was wir wissen, war der junge Beethoven ein lieber Mensch, er hatte Humor und Charme. Er war erfolgreich bei Frauen, er hatte eine große Anziehungskraft und das nicht nur, weil er ein Star war. Allerdings: In musikalischen Fragen war er streng und ungeduldig. Dilettantismus und Mittelmäßigkeit, damit hatte er ernsthafte Schwierigkeiten.

Beethoven, das beschreiben Sie in Ihrem Buch sehr einleuchtend, hat seine Karriere geplant, angefangen von der gezielten Teilnahme an sogenannten Klavierduellen, bei denen er seine Gegner das Fürchten lehrte. Gehört das zu den Dingen, die man gar nicht so gerne wahrhaben wollte, weil sie nicht ins Bild des Genies passten?

Ja. Wenn mein Buch ein Verdienst hat, dann ist es der Versuch darzustellen, dass Beethoven sehr pragmatisch war und für seine Laufbahn eine Strategie hatte. Diese Strategie ist aufgegangen: Es ist ihm gelungen, als Komponist zu überleben, und das ohne feste Position, obwohl er auf eine gehofft hat. Er hat kreativ und klug agiert. Dazu passt: Es gibt kaum Stücke, die Beethoven ausschließlich aus einem inneren Impuls komponiert hat, es gab praktisch immer einen äußeren Anlass.

Ist Beethoven heute für die Beteiligten noch eine Übermacht? Oder gehört er so selbstverständlich ins Repertoire, dass man nicht darüber nachdenkt?

Leider Letzteres. Wenn die Corona-Katastrophe etwas Gutes hat, dann ist es die Tatsache, dass all die vielen, vielen Leute, die nun geglaubt hätten, Beethoven spielen zu müssen, das nicht machen konnten. Die Musik Beethovens ist eine große Aufgabe. Es gibt wenige Komponisten, bei denen die eigene Sprache so spezifisch ist und bei denen man nicht damit weiterkommt, die Methoden, die man auf andere anwendet, einfach weiterhin zu nutzen.

Worüber reden wir dabei? Tempo? Dynamik?

Das Verhältnis zwischen Detail und Ganzem, würde ich sagen. Bei vielen Aufführungen hört man die Details, aber man hört nicht die Richtung der Musik. Oft ist es einfach zu schnell, gerade in der historischen Aufführungspraxis. Beethovens Musik hat eine Geschwindigkeit, ohne schnell zu sein. Sie hat eine Richtung, die man finden muss.

Allerdings müssen Orchester eh Beethoven spielen.

Und sie spielen Beethoven so, wie sie Brahms und Bartók spielen, mit der gleichen Methodik. Als würde ein Maler alles mit einem Pinsel erledigen.

Was macht Beethoven zu einem so guten Komponisten?

Das Wichtigste ist, dass es ihm gelungen ist, zwei Parameter miteinander zu verbinden, die sich normalerweise ausschließen. Das Emotionale und das Intellektuelle. Meistens gibt es beim Komponieren ein Übermaß des einen oder anderen. Bei Beethoven sind beide Dinge extrem entwickelt. Über die „Appassionata“ können Sie stundenlang diskutieren, über die Konstruktion, die Klugheit ihres Schöpfers. Aber Sie werden beim Hören und Spielen total ergriffen sein. So wild Beethoven komponiert, so groß seine Emotionen dabei sind, können Sie doch darauf vertrauen, dass am Ende das Ganze nicht entgleist. Weil dahinter eine Konstruktion ist, die hält. Man sieht sie nicht, aber sie ist da.

Gibt es jenseits einiger Frühwerke schlechte Beethoven-Kompositionen?

Es gibt keine wirklich schlechte Beethoven-Musik. Er hat häufig Musik komponiert, die gewisse Ziele hatte. Manchmal gefallen uns diese Ziele nicht mehr. Aber für die Umstände, für die die Musik war, hat er es gut gemacht. Ich nenne zum Beispiel die „Wellington“-Musik; ein gutes Stück, wenn man akzeptiert, wie die Spielregeln sind. Oder die Kantaten aus der Wiener-Kongress-Zeit. Wir halten das für schlechte Musik, aber das hat nichts mit Beethoven zu tun. Jemand kann heute geniale Filmmusik schreiben, aber es bleibt Filmmusik, und vielleicht gefällt einem der Film nicht.

Setzt es Sie unter Druck, Beethoven zu dirigieren?

Ich möchte keine Zahl nennen, aber ich habe eben nur x Prozent von Beethovens Begabung.

Man lernt, damit zu leben?

Man lernt, damit zu leben. Die Frage ist, ob man dann das Recht hat, seine Werke zu spielen und über ihn zu schreiben. Damit habe ich gekämpft, zumal es ja auch Negatives zu berichten gibt. Als Musiker tröste ich mich mit dem Gedanken, dass ich mich sehr bemühe. Dass ich ehrlich damit umgehe. Ich absolviere jeden Tag mein Pensum Beethoven-Partiturstudium. Ich sage mir: Auch wenn ich nicht der Beste bin, der es nun wagt, so gibt es ohne Zweifel viel mehr Leute, die weit weniger Recht dazu haben und es trotzdem tun. Und dann denke ich manchmal, ob Beethoven nicht sagen würde, na ja, mein lieber Freund, nicht schlecht.

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