Frankfurt

Beethoven-Bigband-Projekt beim HR: Unsterbliche Satzarbeit

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Der Meister und der Jazz – Heiner Schmitz’ Beethoven-Bigband-Projekt in Frankfurt.

Muss es sein? Na klar: Beethovens Potential für den Jazz muss am Ende des ersten Vierteljahrtausends nach seiner Geburt endlich nachgewiesen werden. Jazzmusiker sind Menschen mit intensiver Musiksozialisation, so dass zumindest für Zentraleuropäer prägende Begegnungen mit Beethoven statistisch geradezu unvermeidbar sind.

Dieter Ilg widmete Beethoven schon vor gut fünf Jahren ein Album, das Jazzfest Bonn veranstaltet mit seinem JazzBeet-Projekt einen Kompositionswettbewerb für jüngere Musiker, die ARD steckt gerade mitten in ihrer Beethoven-Woche, in deren Dunstkreis der Hessische Rundfunk dem Saxophonisten und Arrangeur Heiner Schmitz einen Bigband-Kompositionsauftrag für zwei Studio-Konzerte erteilte. Verbunden mit dem Kompositionsauftrag war eine Vermittlungsarbeit mit interessierten Schulen.

Die Bigband beginnt das Frankfurter Konzert mit dem Erwachen heiterer Empfindungen, also dem bekannten Motiv aus der Pastorale. Es wird variiert und geflochten, und Trevor Mires spielt ein Posaunensolo, das aber nicht richtig auf dem Lande ankommt, sondern im idiomatischen Bezugsrahmen der Bigband verharrt, der den ganzen Abend lang nicht verlassen wird.

Im zweiten Stück geht es ums Mondlicht, das irgendwann einer Beethovenschen Klaviersonate einen populären Namen gab; es gibt aber auch die mindestens ebenso populäre „Moonlight Serenade“ von Glenn Miller, und Heiner Schmitz’ „Moonlight Pictures“ scheinen beide irgendwie miteinander verschneiden zu wollen. Eine aparte Idee, aber Kontraste kommen dabei leider recht kurz. Wieder klingt alles nach Bigband: eng gesetzt, dicht geschichtet, rhythmisch und klanglich abwechslungsarm und immer etwas intransparent.

So bleibt es: Bigband-Satzarbeit mit wenig variabel gehandhabten Klangfarben sowie ein überwiegend bevorzugtes Mezzoforte lassen die Musik oft additiv wirken. Auf die Dauer ist das für Beethoven zu wenig differenziert. Schmitz’ Rekompositions-Arbeit greift bekannte Motive auf und arbeitet mit ihnen so, dass meist der gute alte Bigband-Sound Sieger bleibt – auch wenn er immer wieder originelle kompositorische Ideen hat.

Drei kleine Arbeiten, freiere Miniaturen zu Zitaten aus dem brieflichen Umkreis der „unsterblichen Geliebten“, rütteln ein wenig an den Schranken der Bigband-Idiomatik, überwinden sie jedoch nicht. Einige wirklich schöne Soli – zu nennen wären hier vor allem Tony Lakatos, Oliver Leicht, Axel Schlosser und Hans Glawischnig – versöhnen damit temporär.

Dass andere Arbeits- und Übersetzungsweisen im zeitgenössischen Jazz möglich sind, zeigte im Dezember in Dortmund die Ruhrgebiets-Formation The Dorf unter Leitung von Jan Klare an Beethovens fünfter Sinfonie. Weniger virtuos, wohl auch kompositorisch weniger ambitioniert wurde mit bekannten Motiven in improvisatorischem Großgruppen-Kontext (unter anderem mit zwei Schlagzeugern und einem Synthesizer) gehandelt – eine Art historisch informierter Interpretation, wie Klare fand: die Fünfte so zu spielen, wie sie zum Zeitpunkt der Entstehung gemeint gewesen sei. Das ergab ein von flächenhafter Entschleunigung und erstaunlichen Klängen durchzogenes wildes Getümmel. Musikhistorisch stark spekulativ, aber von unabweisbarer performativer Aktualität und Eigenständigkeit. Zwei Eigenschaften, die beim Bigband-Abend ein wenig kurz kamen.

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