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Günther Groissböck in der Oper „Rusalka“ in Wien. 

Günther Groissböck

Bass Günther Groissböck: Da schießt er fort über Land und Meer

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Günther Groissböck gibt den ersten Liederabend im wiedereröffneten Wiesbadener Staatstheater.

Wie entmutigend, dass der österreichische Bass Günther Groissböck auf seinem Twitter-Account eine Herde Schafe mit Mund-Nasen-Bedeckung zeigt – als gälte namentlich unter Schafen Maskenpflicht oder als machte die Maske aus Menschen Schafe. Wir hingegen haben doch unsere schönsten Blümchen- beziehungsweise Karostoffmasken angelegt, um ihn singen zu hören, beim ersten Liederabend weit und breit. Ein denkwürdiges Konzert, ein Test womöglich für künftige Kulturereignisse in der Umgebung, denn keines hat nach der Wiedereröffnung so schnell ein Programm zusammengestellt wie das Staatstheater Wiesbaden.

Es funktionierte ganz gut. Verkauft werden Reihen, der Platz wird beim Einlass zugewiesen, damit niemand an jemandem vorbei muss. Nach der Pause gleich die üblichen Gereiztheiten: Gilt der Platz von zuvor, gilt das Perlenkettenprinzip? Menschen sind keine Schafe und keine Perlen, und ständig machen sie sich ihren Reim. Wer sitzt, darf die Maske abnehmen (die Leute warteten aber ab, bis der Intendant es ihnen sagte, keine Schafe, sondern höfliche Mitbürger). Jede zweite Reihe muss freibleiben, innerhalb einer Reihe je zwei leere Plätze. 200 dürfen hinein.

Viel Raum für einen Großen

Die erbarmungswürdige Leere im gleichwohl nicht ausverkauften Großen Haus wirft ein scharfes Licht auf das wirtschaftliche Desaster, war jedoch atmosphärisch kein Problem. Freilich galten Applaus und Jubel dem Wotan der abgesagten Bayreuther Festspiele: einem ganz Großen, in kraftstrotzender Form. Groissböck, am Klavier begleitet von Alexandra Goloubitskaia, sang Lieder vornehmlich von Franz Schubert, außerdem von Carl Loewe und schließlich von Gustav Mahler, nämlich mit Wucht, Verzweiflung und knallharter Modernität den „Tambourg’sell“ und „Urlicht“.

Groissböck ist ein titanischer Typ, auch ein Komödiant, wie Lechzende dem auf Arte gezeigten Berliner „Rosenkavalier“ André Hellers entnehmen konnten. Jedes Lied wird zum Drama mit Eigenleben, die übergroße Stimme – das Große Haus nur gerade groß genug, auch darum kein Eindruck von Leere – zeigt im kleinen Format eine immense Filigrantechnik. Das Schwergängige eines Basses ist – in „Ganymed“ – entweder ohnehin ein zusätzlicher Reiz oder lässt – in „Der Schiffer“ – die Rasanz, die Beweglichkeit nur umso mehr strahlen. Ja, in der Tiefe funkelt es bei Groissböck in hundert Farben.

Die Auswahl ist erlesen. Die Musik nivelliert das Textgefälle zwischen Goethe und Johann Mayrhofer nicht, wendet es nur ins Aparte. „Prometheus“ und „Der entsühnte Orest“ sind durch Schubert zwei Medaillen eines aufreibenden und doch lohnenden Menschseins. Loewes „Odins Meeresritt“ – Schmied Oluf beschlägt das Pferd, „der Rappe schießt fort über Land und Meer“ – wirkt als fabelhafter Einwurf zur Affäre Wotan, der sich anderweitig tummeln muss, aber mit nicht weniger Aplomb.

Intendant Uwe Eric Laufenberg liest dazwischen Texte von Brecht und Schiller vor. Da er in seiner Monologreihe „Solo-Diskurse“, die man sich auf der Netzseite des Theaters anschauen kann, ohne Unterlass hervorhebt, dass das Grundgesetz ausgesetzt sei, sollte man in der Textauswahl (Brechts „Lob der Dialektik“ darunter, Schillers „Majestas populi“) gewiss etwas aktuell Widerständiges sehen.

Groissböck aber erfüllt anschließend private Hoffnungen, indem er als Zugabe das Ende der „Walküre“ singt, wie schon bei seinem Frankfurter Liederabend im September 2018. Damals übte er noch. Jetzt ist alles fertig, alles perfekt: empfindsam, tragisch, göttlich. Auch als Darsteller wird er ein grandioser Wotan sein. PIanistin Goloubitskaia gibt hier alles und mit würdiger Präzision.

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