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Barre Phillips und György Kurtág jr.: „Face à Face“ – Am Rande des Materiellen

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Barre Phillips. Foto: Sam Harfouche/ECM Records
Barre Phillips. Foto: Sam Harfouche/ECM Records © Sam Harfouche/ECM Records

Barre Phillips und György Kurtág jr. arbeiten an abstrakten Klanggegenständen.

Auf diesem Album hört man wenig von dem, was zu erwarten wäre. Kein Groove, nirgends. Wenig melodisches Material. Kein elektronisches Geschwirre, keine Klangtapeten, keine gut gefüllten Schallräume. Barre Phillips, Kontrabass, und György Kurtág jr., Elektronik, beginnen ihre Musik da, wo andere Musiker aufgehört haben, wo Klischees, Erwartungen, Gewohnheiten und die gängigen Parameter nicht mehr hinreichen. Sie beginnen da, wo andere am Ende wären.

Gleich das erste Stück ihres gemeinsamen Albums „Face à Face“ trägt gewissermaßen als Titel die Bezeichnung dieses Ortes, an dem sie einander gegenüberstehen: „Beyond“, jenseits. Und damit ist nicht das Jenseits gemeint, die Todeszone, die Region des Transzendentalen. Nirgends ist es dunkel in dieser Musik, alles wirkt gleichmäßig hell und schattenlos ausgeleuchtet. Aber Jenseits ist kein bekannter Ort. Keine vertrauten Wege stehen hier zur Verfügung.

Barre Phillips, Jahrgang 1934, gehört zu den Senioren der freien Improvisationsmusik. Dem Kontrabass begegnet er mit einem Minimum an Schulmäßigkeit und Traditionsneigung und einem Maximum an klanglicher und spieltechnischer Aufgeschlossenheit. Was zu erwarten wäre, wird gar nicht erst gespielt. Es geht um Klanggegenstände, um Klangereignisse, die sich jenseits oder oberhalb von gängigen Parametern wie Melodie, Rhythmus, Dynamik herstellen lassen. Es geht um Farben und Oberflächenstrukturen. Und immer sucht Barre Phillips die reibungsvolle Nähe zu den unvorhersehbaren elektronischen Klängen seines Gegenübers.

György Kurtág jr., Jahrgang 1954 und nicht mit seinem gleichnamigen Vater zu verwechseln, ist Komponist und Instrumentalist elektronischer Musik. Verdichtetes, effektreiches Hinter- oder Vordergrundgeschehen erspart er seinem Duo-Partner. Seine Arbeit produziert markante, filigrane und massearme Klangskulpturen, die die jenseitige, leere Landschaft mit eigenen, eigenartigen Formen markieren. Manchmal verharren sie einen Moment im Zentrum der Wahrnehmung, manchmal huschen sie flüchtig vorüber und verwandeln sich dabei.

Das Album

Barre Phillips, György Kurtág jr.: Face à Face. ECM / Universal.

Gehaucht, geritzt

Wenn man nach einem plausiblen Bild für die Zusammenarbeit dieser zwei Musiker sucht, könnte das auf zwei Bildschnitzer hinauslaufen, die mit verschiedenen unbekannten Materialien kleine, gemeinsame Gegenstände bauen, sie kurz betrachten, dann stehen lassen und weitergehen. Die Komponente des Hauens in der Berufsbezeichnung „Bildhauer“ wäre viel zu grob für das, was da zu hören ist. Manchmal erscheint selbst das Schnitzen als Gestaltung vorhandener Oberflächen viel zu materiell, denn zuweilen wird hier nur gehaucht, gerieben, geritzt, aufgeraut.

Beide arbeiten bevorzugt mit Klangkomponenten, die sich am Rande von scheinbar immateriellen Regionen bewegen. Und wenn es um Oberflächenarbeit geht, dann vor allem um klangstoffliche Eigenschaften: um raue Flächen, blitzende Stellen, handschmeichelnde Handläufe, scharfe Kanten, störende Risse, bizarre fliegende Kleinobjekte, rasselnde, mahlende, schnarrende Zeitstrecken.

Klingt abstrakt? Ist es auch. Es ist Musik von hohen Abstraktionsgraden, die mehrere Schritte zurücktritt von landläufigen Konzepten und in enger Duo-Verzahnung die Aufmerksamkeit auf etwas Neues lenken will.

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