Nichts

Hallo Kartoffelsalat

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Zurück aus den 80ern: Die Deutsch-Wave-Helden Nichts im Frankfurter Cave.

Es war die Zeit, als man bei minus 17 Grad mit dem Moped aus, sagen wir mal, Karben nach Frankfurt öttelte, um Nichts zu sehen. Um in der Batschkapp mit 500 anderen Ölsardinen vor der Bühne im Viereck zu springen und sich vom Gitarrensound des deutschen New Wave das Gehör schreddern zu lassen. Für drei Mark Eintritt. Lass es fünf gewesen sein.

„Warum hast du mir das angetan, ich war doch noch so jung“ darf man daher heute mit jedem Recht mitgrölen, wenn die Düsseldorfer Band Nichts mal wieder in Frankfurt ist, diesmal im gut gefüllten Innenstadtclub Cave. Nichts gehörte zu den Haupttätern, ihr Gitarrist Meikel Clauss kannte keine Gnade, sägte Stück für Stück schrill aus unserem zentralen Nervensystem, und was soll man sagen: Er tut es immer noch.

Am Schlagzeug die Urgewalt

1982 nach zwei stilbildenden Langspielplatten aufgelöst, gibt es die Band seit zehn Jahren wieder. Sängerin ist seither Sabine Kohlmetz, Bass spielt Joachim Krämer, das Instrument mit einer Kette um den Hals gehängt, am Schlagzeug die Urgewalt Björn Sondermann (Trommelgott).

Im Cave ist der Sound laut und ansonsten auch egal, es herrscht Wiederhörenseuphorie. Die Älteren warten auf den Hit „Radio“ („Lieber Gott, ich wünsch mir so/ Meine Stimme im Radio“), die Jüngeren auf „Tango 2000“, das sich über die Jahrzehnte zur Ikone der Gothic-Szene entwickelte. Kein Wunder, Nichts-Songs hatten stets diese kühle und unheimliche Atmosphäre. Live ist die Band heute fröhlich und umgänglich und befreit vom einstigen Gerangel in der Punk- und Wave-Szene.

Der Bandname Nichts soll auf einer Schnapsflasche gestanden haben, heißt es. Es gibt sogar einen gleichnamigen Song: drei Minuten Stille in der Rille, was früher besonders bei Auftritten für Unterhaltung sorgte, wenn arglose Zuschauer aus der Menge gezerrt und gezwungen wurden, „Nichts“ darzubieten. Zur Neuen Deutschen Welle der frühen 80er kann man die Band eigentlich nicht zählen, dafür war sie zu unangepasst, zu wenig schlageraffin. Und zu schnell wieder weg.

Höhepunkte des Abends: der Mitsing-Kracher „Zehn Bier zu viel“, der (nicht nationalistisch gemeinte) Bekenntnis-Song „Ein deutsches Lied“, zu dem kleine Fußballspieler aus Plastik auf die Bühne fliegen, „Hallo Kartoffelsalat“ (Titel kommt im Liedtext nicht mehr vor), ganz am Ende „Radio“ und als Überraschung „Babylon’s Burning“ von den Ruts.

Skurrilitäten am Rande: Ur-Bassist Christopher Scarbeck wäre in den 70ern „beinahe Deutscher Meister im Discotanz geworden“ (Wikipedia), Ur-Drummer Tobias Brink ist heute Oberarzt einer neurologischen Klinik und Gitarrist Meikel Clauss leitet ein Gesundheitszentrum.

Besser ist das. Sollte Nichts demnächst wieder irgendwo auftreten, empfiehlt es sich, vorher nicht unbedingt einen Hörsturz gehabt zu haben. Hingehen muss man natürlich auf jeden Fall.

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