St. Katharinen

„Bach zur Nacht“: Eine mächtige Herausforderung

  • vonBernhard Uske
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Die Cembalistin Sabine Bauer mit Bachs „Goldberg-Variationen“ in St. Katharinen.

Der Nimbus flämischer Cembali aus der Werkstatt der Instrumentenbauerfamilie Ruckers war im 17. Jahrhundert so groß wie heute, was die Geige betrifft, derjenige der Stradivaris und Guarneris. Ein Nachbau des zweimanualigen Tasteninstruments, das 1998 in der Werkstatt von Matthias Griewisch entstand, war jetzt in Frankfurt im Altarraum von St. Katharinen aufgestellt, wo die von Kantor Michael Graf Münster kuratierte Konzertreihe „Bach zur Nacht“ ein der coronabedingten Musikentwöhnung trotzendes, begeisterungsfähiges Publikum anzieht.

Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“ standen auf dem Programm. Das wegen umfänglicher Belüftungspausen aus zwei, anderthalb Stunden auseinanderliegenden Halbstunden-Konzerten bestand. Das hochbedeutende Werk war damit sinnig getrennt und das Durchrauschen der ja hälftig aufeinander bezogenen Teile mit ihrer Fülle an zeitgenössischen Gestaltungsweisen unmöglich gemacht. Von dichten, in ihrer Intervallspannung immer weiter sukzessive auseinandertreibenden Kanons über stilisierte Tanzmodelle, melancholische Innerlichkeitsbeschreitungen bis zur Mobilität des „Quodlibet“ mit seinen Gassenhauern und dem altbekannten Kinderlied „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“. Dazu die harmonischen und formativen Muster aus Frankreich und Italien, vornehmlich Couperins sowie Corellis und Frescobaldis.

Man möge nicht zu weit vorne Platz nehmen, meinte der Kurator bei der Begrüßung: der Klang der erlesenen Ruckers-Kopie, die das flämische Cembalo-Timbre exponiert, böte im Vergleich mit einem Steinway mehr Überraschungen, die sich im Raum entfalten könnten. In dezenter ikonografischer Verwandtschaft war das Instrument genau vor dem gülden illuminierten Altar-Relief postiert (Lichtdesign Parviz Mir-Ali und Andreas Schwarz), wodurch der hochgestellte Instrumentendeckel, der mit einer arkadischen Landschaft bemalt ist, die beiden biblischen Landschaften des Altarbilds (Ölberg und Gelände der Bergpredigt) aufs Schönste verband. Die Hochform des bachschen Konstruktivismus als eine hier hintergründig wirksame Transzendenz ins Diesseits.

Feine, von der Cembalistin Sabine Bauer bravourös genommene, ebenmäßige Lauffiguren, die sich zu schimmernden Flächen banden, durchzogen den Raum und blieben dabei doch so markant und detailreich, dass die formidablen Anforderungen bachscher Passioniertheit sowohl deutlich als auch charakterbildend wurden. Bauer ist Mitglied der Camerata Köln seit deren Bestehen und Dozentin für Cembalo, Kammermusik und Generalbass, lehrt heute an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt.

Eine enorm beherrschte, gleichwohl keiner Bach-Sklerose die Taste drückende Musikerin. Sondern eine, die sich der mächtigen Herausforderung dieses vierten und letzten Teils von Bachs Tastaturkompendium aus dem Jahr 1741 („Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“) bis an den Rand der Gefahr für akkordische Dichte ohne jeden Abstrich meisterlich stellte.

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