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Hendrik Weber alias Pantha du Prince.

Pop als Geschäft

Ausgehen für den Staat

In Berlin diskutierte man den Wandel des Live-Geschäfts im Pop: "Life is Live" war Titel einer zweitägigen Veranstaltung, die neben Debatten auch fünf Konzerte bot. Von Elke Buhr und Tobi Müller

Von Elke Buhr und Tobi Müller

Frank Spilker von der Band Die Sterne sagte es so: "Die Leute zahlen gerne mehr für die Konzertkarten, vielleicht aus schlechtem Gewissen, weil sie die Musik nur noch kopieren." Musikkurator Christoph Gurk vom Theater Hebbel am Ufer (HAU) und Jens Balzer, Popredakteur der Berliner Zeitung, haben unter dem Titel "Life is Live" den ökonomischen Paradigmenwechsel vom Tonträger hin zum Konzert zwei Tage in Berlin zur Diskussion gestellt und ihn mit elektronischer, aber von akustischen Klängen informierter Musik illustriert. In Zahlen: Ein Vortrag, zwei Diskussionsrunden, rund fünf Konzerte.

Gleich zu Beginn relativierte der englische Poptheoretiker Simon Frith die Heilslehre von der Live-Musik mit angelsächsischer Systematik und sympathischem Understatement. Es war auch eine höfliche Dekonstruktion der Tagung. Denn auch wenn Konzertveranstaltungen heute nicht mehr als Marketing für Plattenverkäufe funktionieren, kommen sie, genau wie früher, ohne Quersubventionen nicht aus. Um die Kosten einzuspielen, brauchen sie private Sponsoren, meist Getränkekonzerne, oder auch die öffentliche Hand: Frith wies darauf hin, dass selbst ansehnliche Festivals in Großbritannien ohne großzügige Unterstützung aus den Stadtmarketing-Töpfen nicht überleben können.

Außerdem seien es nur etwa 20 Acts weltweit, die wirklich Geld machen mit Live-Konzerten - fast ausnahmslos sind es die Senioren unter den Stars. Der Nachwuchs aber spielt so gut wie nie in der Gewinnzone. Und während im alten Plattenbusiness ein Hit zehn Flops mitfinanzierte und so auch Experimentelles ermöglichte, streichen im neuen Konzertgeschäft die wenigen erfolgreichen Bands ihre Gewinne allein ein.

Und bald, so prophezeite Frith, könnte der Live-Sektor die Gunst des Publikums wieder verspielen. Wenn die Standardisierung von Veranstaltungsorten weiter geht, keine neuen Acts nachkommen, zudem die Preise weiter steigen und das Publikum sich irgendwann so über den Tisch gezogen fühlt wie früher beim Kauf überteuerter CDs, könnten die Umsätze wieder einbrechen. Zumal der Zugriff der Gesundheits- und Jugendschutzpolizei immer krasser werde, wie Frith beklagte: Nicht nur Rauchen, auch Alkohol werde immer strenger reguliert, Minderjährige scharfen Kontrollen unterstellt, als nächstes sei der Lärmschutz dran - Ausgehen für den Staat, die Party als Regelparade.

Ein Programm für fast alles

Die ästhetischen Folgen des Live-Zwangs können aber durchaus erfreuen, wie im Falle der beiden Konzerte der ersten Kongressnacht: Panda Bear und Pantha du Prince. Beide Musiker arbeiten an der Grenze zwischen elektronischer Musik und akustischen Klangquellen, die heute mühelos verschränkt werden. Man kann fast sicher sein, dass auf beiden Laptops dieselbe Software der Berliner Firma Ableton lief, die weltweit den Markt anführt mit einem Programm namens - "Live": eine Plattform für Komposition, Aufnahme, aber auch für deren Aufführung.

Panda Bear, Mitglied des gefeierten US-amerikanischen Animal Collective, ließ in seinem Set mit Laptop, umgehängter Gitarre und verhallter Stimme an die Beach Boys denken, wären die nicht dem Diktat von Strophe und Refrain unterworfen gewesen. Was Panda Bear da vormacht, ist im besten Sinne Post-Pop: eine Musik, die Harmonien liebt, aber nicht ihren zeitlichen Gesetzen gehorcht. Befreiend.

Hendrik Weber alias Pantha du Prince steht stärker in der Tradition des Techno. "Black Noise", das neue Album des deutschen Produzenten (ab 5. Februar), wird zu einer Benchmark des Autorentechno werden. Zum einen, weil das Album mit differenziertem Klang, atemreichen Dramaturgien und mit dem dabei nie verleugnetem Sehnen nach der Abfahrt begeistert. Autorentechno aber auch, weil Weber tatsächlich eine Geschichte drumherum erzählt.

In den Schweizer Alpen sei man gewesen, habe Geräusche aufgenommen und nebst Glocken und Grillen auch die Toten gehört, die dort nach einem Erdrutsch noch immer unter der Weide liegen. Wo Weber war, nicht allzu weit von Zürich nämlich, reden nur Tagestouristen von "Alpen", und besagter Erdrutsch fand anno 1816 statt - Weber muss sehr sensible Mikrofone gehabt haben.

In der Musik relativiert er die naturnahen Geräusche insofern, als er sie im Rechner synthetisch nachgebaut hat. Autorentechno ist dialektischer Techno! Bei Pantha du Prince heißt das vorerst auch: tolle Musik für den Kopfhörer, herkömmlich romantischer Techno im Live-Auftritt.

Das wichtige Label Rough Trade

Pantha du Prince ist aber auch ein gutes Beispiel, um die Bedeutung der Plattenfirma trotz Absatzkrise nicht herunterzuspielen. Sein Album erscheint bei der renommierten britischen Firma Rough Trade, und so toll man das Werk auch findet: Rough Trades Arbeit trägt entscheidend zu diesem Erfolg bei.

In den zwei Diskussionsrunden des Wochenendes ging es dementsprechend um Fragen der Praxis. Was Simon Frith aus britischer Perspektive formuliert hatte, wurde aus deutscher Sicht weitergeführt. Moderator Jens Balzer holte die gut gecasteten Künstler, Veranstalter, Booker, Labelmanager und Stadtforscher jeweils genau dort ab, wo sie mit ihrer Arbeit auch stehen, und schuf so die Grundlage für zwei informative Gesprächsrunden.

Man ahnt, wie sich auch in Deutschland die Plattenlabels zu Musikfirmen wandeln, die sich um mehr kümmern als um den Tonträger. Und man befürchtet, dass auch hierzulande die Firma Live Nation durchmarschieren wird, die in kleineren Ländern wie Holland bereits den Livemarkt beherrscht, und das heißt: alles besitzt von den Agenturen bis zu den Arenen. Man nennt das altmodisch Konzentration von Kapital. Und was dann auf dem Spiel steht, ist noch älter: die kulturelle Vielfalt, wie Christoph Gurk anmerkte.

Ganz zum Schluss diskutierte man den Begriff der Gentrifizierung ganzer Quartiere durch Popmusik und reflektierte darin auch die Rolle, die man selbst als Kreativklasse spielt. Immer mit der stillen Ahnung, dass es mittlerweile eher um die Vertreibung aus den eigenen Räumen geht als um den Druck auf die migrantischen oder alteingesessenen Nachbarn. Na gut, ehemaligen Nachbarn. Pop, das heißt eben auch: Sich selbst ins Licht rücken. Diesen Widerspruch, so Spiegel-Redakteur Tobias Rapp, gelte es auszuhalten. Zum Beispiel in der nächsten Cocktail-Bar.

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