Oper Frankfurt

Der Ausdruck des Ausdruckslosen

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Bei den Happy New Ears widmet sich das Ensemble Modern dem dirigierenden Komponisten Enno Poppe.

Am Ende gab es dann noch ein deutliches Bekenntnis zur Expressivität von Musik, die selbst da gelte, wo ausdrücklich auf Expressivität verzichtet werde: der Ausdruck des Ausdruckslosen. Musik ohne Expression, ohne die Sprachförmigkeit einer wortlosen Kommunikation – das gehe gar nicht. Rebecca Saunders, die Komponistin, hatte das Statement Enno Poppe entlockt – dem Gast bei der Frankfurter Reihe Happy New Ears in ihrer 101. Folge. Poppe, einen mittlerweile fest etablierten, preisgekrönten Komponisten aus der Schule Friedrich Goldmanns und Gösta Neuwirths, 1969 geboren, konnte man des Öfteren schon als exzellenten Dirigenten zeitgenössischer Musik erleben, seltener dabei aber mit eigenen Werken. Von Zellen als dem antreibenden Element, von dem Moment organischen Wachstums war die Rede. Vom Nutzen von Strukturen, um Intensität zu erhöhen. Letztlich gehe es bei Poppes Musik um Kunst und nicht um Forschung.

Das Ensemble Modern ist dem gebürtigen Sauerländer schon seit langer Zeit verbunden und die Stücke, die im Holzfoyer des Opernhauses zur Aufführung gelangten, sind teilweise gute, vielfach von den Frankfurter Musikern gespielte alte Bekannte.

Besonders galt das für das letzte und älteste der drei Werke des Abends, „Scherben“ von 2000/01, das den Musikern damals vom 30-jährigen Komponisten als ein verschachteltes Spiel von Instrumental-Soli auf den Leib geschrieben wurde. Eine harte Nuss in aufführungspraktischer Hinsicht, dabei sehr körperlich, anziehend und angreifend zugleich. Von einer rauen, struppigen, Schärfen der Faktur und Dynamik nicht scheuenden Expressivität.

Diese stand in einem reizvollen Kontrast zu der schlaksigen, lakonisch und gelassen wirkenden Dirigierweise Poppes. Der Musiker erwies sich jetzt als ein lebhafter und bildhaft agierender Diskutant, der allerdings durch bewundernd und werbend sich ergehende Anmerkungen der Komponisten-Kollegin Saunders nicht gefordert wurde. Er verließ sich ganz auf das Darstellen seiner klanggestischen Maßnahmen in „Brot“ von 2007/08 für fünf Instrumentalsolisten, wo die Blechbläser Uwe Dierksen (Posaune), Sava Stoianov (Trompete) und Saar Berger (Horn) zu eigentümlichen Instrumentalsprechern transformiert wurden.

Ein wenig klang das nach Luciano Berios „Sequenza“-Zyklus – so wie das erste Werk des Programms, „Fell“ (von 2016) für Drumset, in den viel beschäftigten und wahrhaft virtuosen Händen Rainer Römers wie ein modulierter Enkel aus der Klangpartikel-Massierungsküche eines Iannis Xenakis wirkte.

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