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Pete Seeger 2009 in New York auf der Bühne.

Pete Seeger ist tot

Der Aufrechte

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Das Lied „Sag mir, wo die Blumen sind“ gehört zu seinen großen Erfolgen. Im Alter von 94 Jahren stirbt die amerikanische Folk-Musik-Legende Pete Seeger in New York. In seinen Songs lebt der Kämpfer für eine bessere Welt fort.

Ein Foto von 2012 zeigt den über 90-jährigen Pete Seeger – sich an einem Eisentor festhaltend, aber aufrecht –, wie er zusieht, als das Segelboot „Clearwater“ ins Winterdock gebracht wird. In den 60er Jahren, lang vor einer machtvollen Umweltbewegung, hatte er den Bau des Boots mittels Benefizkonzerten finanziert, auf dass es auf dem Hudson gegen Wasserverschmutzung streiten könne.

Pete Seeger, dem außergewöhnlichen Musiker, scheint an der Musik vor allem wichtig gewesen sein, dass sie einem guten Zweck dient. Meist, so erzählen es Lebensdaten und -geschichten, stand er – mit Ukulele, Gitarre oder Banjo und Tenorstimme – für seine Überzeugungen ein. Er war Werber für die gerechte Sache und Kritiker seiner Zeit. Und Vorbild für viele, für jüngere Musiker wie Aktivisten. Er konnte lustig und witzig sein. Und manchmal mag er, wie das bei Prinzipientreuen so ist, ein wenig genervt haben.

Pfeilgerade und immer politisch bewegt hat er sein langes Leben durchquert. Seeger, geboren 1919 in New York, sang schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit den von ihm mitgegründeten Almanac Singers Friedens- und Gewerkschaftslieder, was dem Trio die Aufmerksamkeit des FBI einbrachte. In den 50er Jahren geriet er verschärft ins Visier der Kommunistenjäger, obwohl er da schon ausgetreten war aus der Kommunistischen Partei (zu spät, wie er angesichts stalinistischer Gräuel selbstkritisch fand).

Vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ weigerte er sich, Auskunft zu geben über seine Überzeugungen, bot allerdings an, ein paar Lieder zu singen und spielen. Man lehnte ab. Wegen „Missachtung des Kongresses“ sollte er ein Jahr ins Gefängnis gehen. Das Berufungsgericht kippte das Urteil. Es kam der Vietnamkrieg, und Pete Seeger sang nun gegen den Vietnamkrieg.

Seeger gehört zur politischen Vätergeneration der 68er und Blumenkinder

Zusammen mit dem viel zu früh verstorbenen Woody Guthrie – eine Zeitlang trat er oft mit dessen Sohn Arlo auf – gehörte Seeger zur politischen Vätergeneration der 68er und Blumenkinder. Er war, ehe sich der Begriff verbreitete, ein Singer/Songwriter, der die (Folk-)Tradition – nicht nur die angelsächsische – kannte wie seine Westentasche, aber auch erneuerte (freilich nicht so radikal, dass nicht der Wutanfall berühmt wurde, mit dem er 1965 auf Bob Dylans Auftritt mit E-Gitarre reagiert haben soll).

Er machte aus einem Gospelsong das großartige Mutmach-Lied „We Shall Overcome“, er schrieb, zu einer russischen Volkslied-Melodie, „Where Have All the Flowers Gone“. Er hatte viele Traditionals im Programm, auch christlich Grundiertes, Scheunen- und Kneipenlieder wie auch zart-traurige Folksongs. Die Spannbreite war beträchtlich, woran 2006 Bruce Springsteens CD-Hommage „We Shall Overcome: The Seeger Sessions“ erinnerte, wo das wehmütige „Shenandoah“ neben dem kinderliedhaften „Froggie Went A-Courtin’“ steht.

Nicht nur Springsteen würdigte ihn. Ein Benefizkonzert – was sonst? – zu seinem 90. brachte 2009 im Madison Square Garden neben vielen anderen John Mellencamp, Dave Matthews, Emmylou Harris und Joan Baez als Gratulanten auf die Bühne. Bei Barack Obamas Amtseinführung im Dezember 2009 war Pete Seeger (mit ein bisschen Hilfe von Springsteen) Vorsänger für Tausende mit Woody Guthries „This Land is Your Land“. Noch spät im Leben wurde er mit Grammys ausgezeichnet, darunter für das Album mit dem eindeutigen Titel „At 89“. Seine durchaus volltönende Stimme ließ in den letzten Jahren zwar nach – das soll aber nicht weiter schlimm gewesen sein, konnten doch die meisten, die auf ein Seeger-Konzert gingen, die Texte allemal mitsingen.

Pete Seeger war ein Folk-Sänger, aber auch ein Sänger des Volkes (gar nicht zwangsläufig bedingt das eine das andere). Man kann sich darüber streiten, ob er ein großer Musiker war. Nicht streiten kann man sich, dass er ein Anständiger und Aufrechter war, einer, der das Herz auf der Zunge trug. Nicht wenige seine Lieder werden ihren Platz behalten im musikalischen Weltkulturerbe. Ihr Schöpfer ist am Montag im Alter von 94 Jahren gestorben.

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