Musik

Atatkürk lässt sein Haus verschieben

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Fazil Say und die Academy of St Martin in the Fields mit sinnfälligem Programm in der Alten Oper Frankfurt.

Ihren 60. Geburtsag feiert die Academy of St Martin in the Fields in dieser Saison. Und seinen 50. Geburtstag Fazil Say, der 1970 in Ankara geborene Pianist und Komponist. Gemeinsam sind die beiden Marksteine des gegenwärtigen Konzertlebens jetzt bei Pro Arte im Großen Saal der Alten Oper in Frankfurt aufgetreten. Mit einem für beide Geburtstagskinder typischen Programm.

Fazil Say ist seit seinem Prozess in der Türkei 2012 wegen Beleidigung und Volksverhetzung (in dem er schließlich freigesprochen wurde) ein über seine musikalischen Qualitäten hinausweisendes Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Solisten zugewachsen. Der Pianist bindet seit Längerem in seine Programme eigene Werke ein, die sich thematisch mit älterer und jüngster Vergangenheit seines Heimatlandes beschäftigen. Dabei kann es sich genauso um die 2013 zu Massenprotesten gewordenen Konflikte um den Gezi-Park in Istanbul handeln, wie um Charakterisierungen von historischen Gestalten seiner Heimat, die von Say geschätzt werden.

Eine davon ist Kemal Atatürk, Gründer und Gestalter der aus dem untergegangenen Osmanischen Reich entstandenen modernen Türkei. Ein europäischen Ordnungen verpflichteter Führer, dem „Yürüyen Kösk“ (Das verschobene Haus) op. 72C von 2017 gewidmet ist. Ein Klavierkonzert als eine Art sinfonischer Dichtung, die in vier Sätzen, je sehr einheitlicher Fasson, ein kemalistisches Idyll um eine Platane und ein Haus des Regierungschefs darstellt. Atatürk ließ selbiges verrücken, um den Baum in seinem Wachstum nicht zu behindern. Klingende Hagiographie, bescheiden in den kompositorischen Mitteln, die den Einklang von Natur und Politik in einer entsprechend einfältigen Gestaltbildung beglaubigen.

Von Naivität, die bei Say stimmungsvolle zwanzig Minuten bescherte, zeugte auch das Werk zu Beginn des Abends: Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 1 in F-Dur KV 37, das der Elfjährige 1767 schrieb, wobei der Vater und einige kompositorische Zeitgenossen ihre Finger ein bisschen im Spiel hatten. Naivität zweiter Ordnung, die sich in munterer, quellender Spielfreude und einigen Wechseln in der Klangtemperamenten-Lehre auslebte. Basis für all die Varianzen und Doppelbödigkeiten, die der Komponist dann später zu seinem Markenzeichen machen konnte.

Say präfigurierte das wunderbar mit eloquentem, subtilem und feinst differenziertem Spiel, dem das Tutti der Academey unter der Primariusleitung Timo Kellers nachzueifern schien.

Das 1959 erstmals unter Sir Neville Marriner (1924-2016) aufgetretene Ensemble hatte klug seine rein orchestralen Beiträge um Fazil Says Werk gruppiert: in Gestalt von Dmitri Schostakowitschs Streichorchesterfassung des 8. Streichquartetts (von Rudolf Barschai gesetzt) und Béla Bartóks Divertimento SZ 113. Sehr gedeckte, reduzierte Klangansprache, treffliche Schwermut-Formate, die in den lyrischeren Partien von den meisterlich spielenden Londoner Musikern etwas zu viel Blässe verpasst bekommen hatten.

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