1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Asmik Grigorian in der Oper Frankfurt: Trauernde, Liebende, Wanderin

Erstellt:

Von: Volker Schmidt

Kommentare

Hingegeben: Asmik Grigorian in der Oper Frankfurt. Bild: Barbara Aumüller
Hingegeben: Asmik Grigorian in der Oper Frankfurt. Bild: Barbara Aumüller © Barbara Aumüller

Virtuosität im Dienst der Stimmungen: Asmik Grigorian und Pianist Lukas Geniušas eröffnen die Reihe der Liederabende in der Oper.

Es ist ein bisschen unfair, dass der Name Lukas Geniušas auf dem Titel des Programmhefts dünner gedruckt ist als der von Asmik Grigorian: Der Pianist spielt für das Gelingen dieses Liederabends in der Oper Frankfurt – und er ist, so viel vorweg, sehr gelungen – eine fast ebenso wichtige Rolle wie die Sopranistin. Doch Grigorian ist hier der Star, von sensationsfreudigeren Feuilletons als „die neue Netrebko“ gefeiert; ihretwegen ist das Haus voll, noch vor dem Theaterfest zum Saisonauftakt am kommenden Sonntag.

Vor der Pause Tschaikowski, nach der Pause Rachmaninow: Komponisten, die für Konzerte und Sinfonien, für Opern und Ballette bekannt und berühmt sind, weniger für ihre Lieder. Die Entdeckung lohnt sich. Grigorian, in Litauen als Tochter einer litauischen Sopranistin und eines armenischen Tenors geboren, feiert ihre Erfolge als Opernsängerin nicht nur wegen ihrer kraftvollen, makellosen, in allen Lagen sicheren Stimme, sondern auch wegen der Wandlungsfähigkeit, mit der sie in jede Rolle schlüpft, zuletzt in Salzburg demonstriert in den drei Hauptrollen in Puccinis „Il trittico“. Und das passt hervorragend zu einem Abend mit so unterschiedlich temperierten Lieder wie diesen.

Tschaikowski hat Texte aus Goethes „Wilhelm Meister“, von Tolstoi und dem ukrainischen Dichter Daniil Rathaus vertont. Geniušas und Grigorian kosten unterschiedliche Stimmungen aus, spüren Launen nach, ohne Übertreibungen. Sie haben es nicht nötig, Lieder als Vehikel für ihre Virtuosität zu missbrauchen – diese spricht ohnehin aus jeder Note.

Asmik Grigorian kann zurückhaltend bleiben, die tiefen Lagen klingen lassen, umso beeindruckender wirken die druckvollen Spitzentöne im Fortissimo. Wie auf der Opernbühne ist sie in den Liedern nicht nur Sängerin, sondern Darstellerin, gibt die Trauernde, die sehnsuchtsvoll Liebende oder auch die naturbegeisterte Wanderin – die kennen auch Tolstoi und Tschaikowski, nicht nur Müller und Schubert.

In zwei solistischen Blöcken widmet sich Geniušas in der ersten Konzerthälfte einer Romanze, einem Scherzo und einer Dumka Tschaikowskis. Der Sohn, Enkel und Urenkel litauischer und russischer Pianistinnen und Pianisten gestaltet sie als kleine Dramen, in denen schwere Volksliedmelodien der linken Hand mit perlenden Arpeggien ganz rechts auf der Klaviatur kontrastieren, pedalschwangere Passagen mit abrupt abreißenden Akkorden. Sowohl solo als auch als Begleiter füllt auch Geniušas Rollen aus, malt Szenerien, unterstützt Charakterisierungen.

Nach der Pause dann elfmal Rachmaninow, zu Texten von so unterschiedlichen Dichtern wie Heinrich Heine und Alexander Puschkin, Afanassi Fet und Alexej Apuchtin, Glafira Galina und Maria Davidowa. Manche sind nur wenige lakonische Takte lang, manche von ausgiebigen Vor- und Nachspielen umrahmt; manche fließen wie Landschaftsaquarelle, andere leuchten hart und herb.

Grigorian verausgabt sich sichtlich, aber nicht hörbar. „Wir werden ausruhen“ singt sie aus Anton Tschechows „Onkel Wanja“, der bald nebenan im Schauspiel Premiere hat. Doch erst folgen das Schlussstück – „Dissonanz“ heißt es, wie die gemeinsame Rachmaninow-CD „Dissonance“ –, unzählige Verbeugungen, anhaltender Applaus, „Brava“-Rufe und zwei weitere Rachmaninow-Lieder als Zugabe.

Auch interessant

Kommentare