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Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto.

Lodzer Libretto

Arme Christen schauen auf das Ghetto ?

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Die Leipziger Hochschule für Musik und Theater produziert über eine Irrfahrt zum KZ Mauthausen und das Lodzer Ghetto die Kammeropern "Freiberg" und "Letzte Tage Lodz".

Kein anderer Dichter konnte die Ohnmacht der Warschauer während des Aufstandes im Warschauer Ghetto im April und Mai 1943 eindringlicher beschreiben als Czeslaw Milosz in seinem Gedicht Biedny chrzescijanin patrzy na getto (Armer Christ sieht das Ghetto). Milosz hat  beide Aufstände überlebt: den jüdischen, der am 19. April 1943 begann und brutal niedergeschlagen wurde, und den polnischen, der vom 1. August 1944 bis zum 3. Oktober 1944 gedauert hatte und dessen Ende genauso verheerend war wie das seines Vorgängers. Warschau wurde nahezu vollständig zerstört. Beide Aufstände werden in Westeuropa oft miteinander verwechselt oder verfließen zu einem einzigen, was kein gutes Zeugnis ist für die Politiker und die Schriftsteller, die sich diesen Fehler hin und wieder leisten.

In Milosz’ Gedicht geht es um mehr als bloß um eine poetische Beschreibung und Bestandsaufnahme einer ungeheuren Tragödie, die sich im jüdischen Ghetto in der Hauptstadt Polens abgespielt hatte. Der Dichter weiß, dass dieser ideologische Vernichtungsmord an den Warschauer Juden in der langen Geschichte des Judentums und des Christentums eine besonders tragische Zäsur ist, vergleichbar nur mit der zweiten Zerstörung des Jerusalemer Tempels  durch den späteren Kaiser Titus im Jahre 70 n.Ch.. Milosz schreibt in den beiden letzten Strophen seines Gedichts: „Ich habe Angst, große Angst vor dem Wächter-Maulwurf. / Sein Lid ist geschwollen wie das eines Patriarchen, / Der viel im Schein der Kerzen gesessen hat, / Vertieft in das große Buch der Gattung. // Was sage ihm ich, Jude des Neuen Testaments, / Der zweitausend Jahre auf die Wiederkehr Christi wartet? / Mein zerschlagener Körper liefert mich seinem Blick aus, / Und er wird mich zu den Gehilfen des Todes zählen: / Den Unbeschnittenen.“

Milosz, der in Warschau Zeuge des Holocausts wurde, reduziert die Tragödie der Juden nicht auf die Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Die einer giftigen und mörderischen Ideologie verfallenen Diktatoren wie Hitler oder Stalin werden immer wieder wie „Wächter-Maulwürfe“ in der Erde graben und darüber wachen, dass nur die „Auserwählten“ überleben: Die Verfolgung der Juden sieht Milosz im größeren Kontext der Geschichte der beiden auf eine Erlösung hin ausgelegten Weltreligionen. Die „Unbeschnittenen“ – sagt uns der Dichter – haben diesmal mehr Glück und manche werden sogar zu Tätern, die den falschen Propheten gewählt haben, nämlich Hitler. Milosz? Gedicht hat aber einen doppelten Boden, und das Bild des „Wächter-Maulwurfs“ kann natürlich auch für das Gewissen stehen, das uns mahnt, dem Bösen und Terror entschieden entgegenzutreten.

Lodz, das gelobte Land

Das Gedicht hat Karl Dedecius ins Deutsche übertragen, der legendäre Übersetzer der polnischen Dichtung, der 1921 in Lodz (poln. Lódz) geboren wurde und dort sein Abitur an dem renommierten Stefan-Zeromski-Gymnasium gemacht hat. Wer aber kennt in Deutschland Stefan Zeromski oder Stanislaw Reymont, die beiden polnischen Romanciers, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts ihre wichtigsten Romane veröffentlicht haben? Beide starben im selben Jahr: 1925. Und Reymont gewann 1924 den Nobelpreis für Literatur.

Über Lodz in Zeiten des wirtschaftlichen und industriellen Aufschwungs schrieb Reymont den Roman Das gelobte Land, der 1977 von Andrzej Wajda verfilmt wurde. Wer sehen möchte, wie buntscheckig, erfolgssüchtig und fortschrittsbesessen Lodz zum Ende des 19. Jahrhunderts war, sehe sich den Film von Wajda an. Er besitzt heute Kultstatus.

In dem Roman von Reymont wird die Geldgier der kapitalistischen Welt thematisiert – am Beispiel von drei Lodzer Freunden und Unternehmern:  dem Polen Karol Borowiecki, dem Deutschen Max Baum und dem Juden Moryc Welt. Erfolgreiche Unternehmer nannte man in dieser Stadt „Lodzermenschen“, und die symbolisch-poetische Beschreibung von Lodz, dem polnischen Manchester, da Lodz auch noch im Sozialismus für seine Textilindustrie berühmt war, ist in Reymonts Roman voller Anspielungen auf den Konflikt zwischen dem Dämon der aus Geldgier für Mensch, Tier und Landschaft Vernichtung bringenden Industrie und der „heilen Welt“ der Natur, die diesem „Leviathan der Moderne“, so der polnische Romancier, entgegen treten müsse: der Industrialisierung und Kapitalisierung unserer Gesellschaft.

Chaim Rumkowski und das Lodzer Ghetto (Litzmannstadt)

Eine Frage lautet, ob Chaim Rumkowski, als Textilunternehmer ein klassischer „Lodzermensch“ und während des Zweiten Weltkriegs Vorsitzender des Judenrates im Ghetto von Lodz, den Roman Das gelobte Land von Stanislaw Reymont gelesen oder wenigstens die erste Romanverfilmung, nämlich die von Aleksander Hertz von 1927, gesehen hat? Und wenn ja, konnte er sich in dem Buch wiederkennen? Und war er auch ein unverbesserlicher Positivist und Kapitalist gewesen? 

Chaim Rumkowski ist bis heute eine der kontroversesten Gestalten des Ghettos Litzmannstadt: Es ist also kein Wunder, dass der polnische Schriftsteller Andrzej Bart über ihn einen Roman schrieb, der 2008 in Polen für großes Aufsehen sorgte. Fabryka Mucholapek, wie das Buch im Polnischen heißt, erschien in Deutschland 2011 unter dem Titel: Die Fliegenfängerfabrik, in der Übersetzung von Albrecht Lempp, dem legendären Brückenbauer und Literaturvermittler, der als einziger Deutscher auf dem Warschauer Friedhof „Powazki“ beerdigt wurde, denn unter den polnischen Friedhöfen ist dieser eine Art nationales Denkmal und Heiligtum.

Rumkowski eignet sich hervorragend für eine Romanfigur, da man sich bis heute fragt, ob er sich als Paterfamilias im Lodzer Ghetto, der mit den Nazis eng zusammengearbeitet hatte, der Ermordung seiner Landsleute schuldig gemacht haben könnte. Es hatte auch andere Reaktionen angesichts der herannahenden Apokalypse für Menschen jüdischer Herkunft in Polen gegeben: Der Vorsitzende des Judenrates des Warschauer Ghettos Adam Czerniaków zum Beispiel, dem Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiografie ein Kapitel gewidmet hatte, nahm sich das Leben, als ihm klar geworden war, was die Nazis von ihm verlangten: dass er seinen eigenen Leute verriet und in den Tod schickte, Kinder und Greise und später einfach jeden Menschen.

Chaim Rumkowski blieb fast bis zum Schluss auf seinem Posten – dreißig Kinder, achtzig Erwachsene und achthundertsiebzig Mitglieder eines Aufräumkommandos überlebten in der Litzmannstadt und wurden von den sowjetischen Soldaten befreit. Manche sagen, diese Überlebenden hätte es nicht gegeben, wenn Rumkowski mit den Nazis nicht „kollaboriert“ hätte. Er war zumindest zu Anfang der Ghetto-Gründung so naiv gewesen, dass er dachte, er könnte in der Litzmannstadt eine Art autonome Kleinrepublik aufbauen und den Deutschen billige Arbeitskraft liefern, um so den Hunger im Ghetto in Schach zu halten und Leben zu retten. Aber er hatte sich gewaltig geirrt, was man ihm jedoch schwer zum Vorwurf machen kann, nehmen wir an dieser Stelle klugerweise die lyrische Perspektive aus dem Gedicht von Milosz an – nämlich diejenige der „Unbeschnittenen“, der „Christen, die auf das brennende Ghetto schauen“.

Tatsache ist, dass Rumkowski 1944 in Auschwitz umkam, wir wissen allerdings bis heute nicht, wie. Manche sagen, seine Landsleute, die ihn für einen Nazi-Kollaborateur gehalten haben, hätten ihn aus Rache umgebracht, und andere wiederum behaupten, Rumkowski sei vergast worden.

Das Libretto „Letzte Tage Lodz“

Czeslaw Milosz hat recht: Die „Unbeschnittenen“ hatten, während die Ghettos brannten, oft Angst gehabt vor dem „Wächter-Maulwurf“, der in seinem Buch der menschlichen Gattung über Tod und Leben entschied; die meisten hatten in der Zeit des Naziterrors Angst gehabt, obwohl es auch Mutige gegeben hatte, wovon die Bäumchen in Yad Vashem zeugen: Jeder kennt zum Beispiel die polnische Aktivistin Irena Sendler (poln. Sendlerowa) vom „Rat für die Unterstützung der Juden“, auch als „Zegota“ bekannt. Sendler und ihre geheime Organisation konnten im durch die Nazis okkupierten Polen Tausende von Juden retten, vor allem Kinder. Der amerikanische Fernsehfilm The Courageous Heart of Irena Sendler von 2009 hat die mutige Frau weltweit berühmt gemacht.

Uns Heutigen, die wir zu den „Unbeschnittenen“ zählen, steht trotzdem nicht zu, einen Chaim Rumkowski und die Judenräte zu verurteilen, die in allen Ghettos vor schwierigen Entscheidungen gestanden und sie tagtäglich hatten treffen müssen, zumal auch die Mitglieder eines Judenrates deportiert und in den Vernichtungslagern getötet wurden. Wir erinnern uns daran, welche Briefe Hannah Arendt nach der Publikation ihres Buches Eichmann in Jerusalem von ihren Landsleuten in Amerika und aus dem Ausland erhalten hatte: Manche Menschen drohten ihr und beschimpften sie als Verräterin, da die Philosophin die Rolle der Judenräte in ihrem Buch kritisch beleuchtet hat; aber wir können uns nur verbeugen, um allen Opfern des Holocaust Respekt zu erweisen – vor allem in Deutschland.  

Denn vielleicht hat mein ehemaliger Bremer Verleger Bernd Gosau, mit dem ich schon seit 1990 befreundet bin, recht: Vielleicht sollen die Deutschen schweigen und das heutige Israel wegen seines Vorgehens in Palästina niemals und wenn überhaupt mit allergrößter Vorsicht und geschichtsbewusster Sensibilität kritisieren – zumindest solange die Erinnerung der Zeitzeugen frisch ist.

Eine andere Freundin, Gioia Meller Marcovicz, die Künstlerin und Möbeldesignerin aus Venedig, sagte mir vor Kurzem, es müssten vielleicht noch sechzig, achtzig Jahre vergehen, bis man mit den Deutschen darüber reden könne, was sie an Israel kritisieren möchten, und eigentlich stünden sie mit ihrer Schuld nicht allein da, denn ganz Europa habe damals beim Ermorden der Juden zugeschaut. Ich verstehe ihre Wut und denke wieder an Milosz’ Gedicht Armer Christ sieht das Ghetto“. Gioias Tanten und Cousinen sind im Holocaust umgekommen.    

Doch sollten wir an dieser Stelle nicht lieber von den Tätern sprechen?

Man fragt sich zusammen mit Hannah Arendt, wie konnte es sein, dass der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD von Lodz Otto Bradfisch 94 Jahre alt wurde (im Übrigen nur ein Jahr älter als Milosz)? Arendt schreibt in Eichmann in Jerusalem über die mild ausgefallenen Strafen: „So erhielt einer der führenden Mitglieder der SS-Einsatzgruppen, Dr. Otto Bradfisch, für die nachgewiesene Beteiligung an der Ermordung von 15.000 Juden und für die Beihilfe an der Ermordung von 22.000 als Bürgermeister von Lodz insgesamt 13 Jahre Zuchthaus.“

Die Täter waren unerbittlich und unaufhaltsam, niemand konnte sie stoppen; sie suchten nach ihren Opfern so lange, bis sie erfolgreich wurden.

An diese Ausweglosigkeit und Ohnmacht angesichts des sicheren Todes musste ich denken, als ich zum ersten Mal das Libretto Letzte Tage Lodz, geschrieben von Markus Gille für eine Kammeropernproduktion der Leipziger Hochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“, las, um es ins Polnische zu übertragen. 

In seinem Text beschreibt Gille eine klassische Szene: In einem Versteck hinter der tapezierten Wand einer Mietskaserne im Lodzer Ghetto sitzen der Architekt Ignacy (Izaak) Gutman, seine Frau Innka und seine Tochter Monika sowie seine Schwester Lusia und seine Nichte Marga; sie sind alle ganz still, und sie hören schon das Hecheln eines Spürhunds und die Stimmen der Deutschen. Ich wusste in diesem Moment, als ich die beschriebene Szene vor mir sah, wie sich Milosz gefühlt haben musste, als er auf das brennende Ghetto schaute, wie er es in seinem Gedicht beschreibt. Möge uns sein Gedicht eine Warnung sein vor den „Wächter-Maulwürfen“ – genauso wie Markus Gilles Libretto Letzte Tage Lodz

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