Musik

Auf Apolls Spuren

  • vonBernhard Uske
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Oboenquartette mit Kammermusik von Mozart und Britten im Frankfurter Opernhaus.

Die Letzten werden die Ersten sein – im übertragenen Sinn hat sich der Satz aus Matthäus 19,30. bewahrheitet, was die Spielmöglichkeiten der Oper in Zeiten von Corona anbelangt. Die randständigeren Formate von „Kammermusik im Foyer“ und ähnlichem – sie sind jetzt das Zentrum des Spielplan-Fragments, das die Lebendigkeit der lahmgelegten Institution repräsentieren soll. Auf dem zum Konzertsaal-Podium gewandelten, hochgefahrenen Orchestergrabenboden im Frankfurter Opernhaus erklingt Kammermusik der verschiedenen Stimmgruppen und Ensembles, die ein klassisches Sinfonieorchester, wie es das Opern- und Museumsorchester ist, beherbergt. Teilmengen jenes großen Ganzen, das zur Zeit sich nicht verwirklichen darf.

Ein paar ariose Ohrwürmer

Immerhin: Die aus der Not geborene Konzertreihe „Kammermusik auf der Bühne“ bescherte jetzt nach der offiziellen Programmfolge mit Oboenquartetten von Wolfgang Amadeus Mozart und Benjamin Britten zwei reizvolle Zugaben. Ariose Ohrwürmer aus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ in einer Fassung für Streichtrio und Oboe. Es musizierten die stellvertretende Konzertmeisterin Gesine Kalbhenn-Rzepka, die Bratschistin Miyuki Saito, die nebenher Opern-Transkriptionen verfertigt, sowie die Cello spielende Kollegin Bianca Breitfeld aus Heidelberg – zusammen mit Nanako Kondo, Erste Solo-Oboistin der Frankfurter Oper seit 2011.

„Ein Gruß aus der Oper, die uns sehr fehlt“ erklärte bei der Zugabe-Ankündigung Kalbhenn-Rzepka, die in Mozarts „Oboenquartett KV 370/36b“ ihre Leitungsfunktion an die blasende Primaria Kondo abtreten musste.

Hätte man mit Mozart begonnen, wäre die Beziehung, die Benjamin Britten 1955 mit seinen „Sechs Metamorphosen nach Ovid“ für Oboe solo zur Oboen-Formatierung seines 157 Jahre älteren Kollegen aufnahm, noch eindrücklicher gewesen. Brittens monologische Stimmführung korrespondierte in ihrer gestischen Apollinik und Gestaltbildung verblüffend deutlich mit dem behenden, bukolischen Duktus, den Mozart dem Instrument im Verein mit seinen streichenden Dialogpartnern verpasste.

Klassische antike Mythologeme hat der damals 42 Jahre alte britische Komponist illustriert und jeweils in abgeklärte Idiome, Tanz- und andere Satzformen gewandelt. Das zu vermitteln, gelang Nanako Kondo auf besonders schöne und plastische Weise, wobei die offene Akustik des nur zu einem Bruchteil seiner Sitzkapazität besetzbaren Hauses dem obertonreichen, eng mensurierten Frequenzspektrum des Oboen-Tons zu voller Präsenz verhalf.

Die weit auseinander stehenden bzw. sitzenden Streicher dagegen fanden weniger präsenzgebende Ausgangsbedingungen vor, was dem Genuss der artikulatorischen Beweglichkeit ihres Spiels aber nicht abträglich war. In Brittens „Phantasy Quartet“ für Oboe und Streichtrio op. 2 war das klingende und thematische Vorbild Igor Strawinskys und seiner „Geschichte vom Soldaten“ mit Händen zu greifen. Die spätere, weich-spröde Apollinik, kam beim damals gerade einmal 20-jährigen Britten aber schon an mancher Stelle zum Vorschein.

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