Maurizio Pollini in Frankfurts Alter Oper.
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Maurizio Pollini in Frankfurts Alter Oper.

Maurizio Pollini

Apollinische Kraft

  • vonBernhard Uske
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Klassizistisch herb: Der Pianist Maurizio Pollini mit einem Chopin-Programm in der Alten Oper Frankfurt.

Ein chamäleonhaftes Moment war Maurizio Pollini bei seinem Auftritt im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt eigen. Mit schütterem Schritt, Rundrücken und scheuer Geste nahm der 75-Jährige Platz an seinem Flügel, der ihn bei all seinen Auftritten begleitet. Und machte Staunen ob des kräftigen, lakonischen und behänden Tons, der als ersten Programmpunkten zwei Nocturnes aus op. 27 von Frédéric Chopin zuteil wurde.

Ein reiner Chopin-Abend war das Pollini-Gastspiel: monochromes Programm und entsprechender Klangverlauf, der kaum einen gestalterischen Unterschied machte zwischen dem doppelbödigen ersten und dem glitzernden, leichtfüßigeren zweiten Nachtstück. Ein Duktus im mittleren Anschlagsbereich mit keiner größeren phraseologischer Differenz fiel auf. Dennoch war dabei alles präsent und erbrachte, auch dank des hell timbrierten Flügels, plastische Resultate.

Dezent bleiben die Affekte

Was kann sich aber nicht alles aus dem Dur-Moll-Wechsel, den anrollenden Friktionen der Steigerungswellen, die sich aus dem versonnenen, fast gärend wirkenden Motiv des Beginns des ersten Nocturne ergeben, entwickeln. Was aus den kess-pittoresken Gestikulationen des zweiten. Krystian Zimerman oder Artur Rubinstein schossen einem durch den Kopf. Was aber auch schnell klar machte, wie fast akademisch und affektions-dezent, in klassizistischer Herbheit sich Chopin durch Pollini zeigt.

Das setzte sich bei den anschließenden beiden Balladen Nr. 3 und Nr. 4 fort, nur dass hier ausgreifendere Formate vorliegen. Mächtige Anschlagsfolgen und rollende Sequenzen trafen passend den episch-dramatischen Ton.

Ganz fern blieb dann wieder das Wiegenliedhafte, Besänftigende und Naive der Des-Dur-Berceuse. Das Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20 fungierte als der „Rausschmeißer“ zur Pause: Pollini mit konsequenter, fingerläufiger Perfektion, die er beim definitiven Finalstück, der Sonate Nr. 3 h-Moll op. 58 noch steigerte. Alle ins Dynamische zielenden Ambitionen des Tonsatzes mit seinen dichten Akkord- und Sequenzenketten erfüllend. Streng und gefasst, aber vollkommen ungebrochen in der gestalterischen Paradoxie von Kraft, die doch immer apollinisch blieb.

Vor der Sonate gab es nochmals zwei Nachtstücke – diesmal die aus op. 55. Da fehlte in Nr.1 wieder das Rhetorische, die Gestaltungsmaske, durch die die chopinsche Klangwelt sprechend wird. Und in Nr. 2 wurde die Vertracktheit der drei querlaufenden Stimmen nicht zur glühenden, den Hörer mit hinein ziehenden Affektation gebracht.

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