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Andrés Orozco-Estrada erklärt die neue Welt.

Alte Oper Frankfurt

Apfelsahnetorte! Heidelbeerkuchen!

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Das „Spotlight“-Gesprächkonzert zu „Aus der neuen Welt“ mit Andrés Orozco-Estrada und dem HR-Sinfonieorchester.

Außerdem, liebe Kinderlein, schaut immer noch einmal nach, wann das Konzert beginnt. Aber auch vom zweiten Satz an war es sehr schön, das HR-Sinfonieorchester und seinen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada beim „Spotlight“-Gesprächsabend zu Antonín Dvoráks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ zu erleben.

Das Orchester, sang, summte den choralhaft gesanglichen Anfang wunderschön, und später versuchte auch das Publikum, eine Schlaufe Oboensolo mitzusingen. Das ging ganz gut. Es warteten anspruchsvollere Aufgaben, zum Beispiel ein ausgeschriebenes Ritardando der Bratschen anhand einer Abfolge von Kuchen nachzuvollziehen: Sechs, fünf, vier, drei Schläge: Apfelsahnetorte, Heidelbeerkuchen, Panna cotta, Bienenstich, Hmmmm. Hier taten sich gleich zwei gravierende Probleme auf: sich erstens die Kuchen- bzw. Dessertsorten zu merken (unmöglich), und sie zweitens so zu sprechen, dass jede Einheit die gleiche Länge hatte.

Orozco-Estrada, an sich restlos zu Scherzen aufgelegt, gab sich Mühe, uns das einzutrichtern. Hinter dem unheimlich verbindlichen Spaßvogel ist der Könner, und alle Späßchen wandelten sich ohnehin in Professionalität, sobald die Musik einsetzte.

In einem noch komplizierten Mitmachexperiment versuchte das linke Parkett mit einem „Jawoll“ („Ja, wohl“?) gegen ein „Doch nein“ des rechten Parketts anzukommen, linker und rechter Rang schlugen sich dazu auf die Oberschenkel, und wer wollte, versuchte einfach nur regelmäßig mit dem Fuß aufzustampfen. Für fünf Sekunden schien es zu funktionieren. Möglicherweise war „Jawoll“ nicht das richtige Wort, weil die Damen und Herren hinter uns nicht umhinkamen, das „woll“ zu betonen. Handelte es sich eh um ein Hörmissverständnis?

Die Komplexität musikalischer Vorgänge, immer wieder auch von Solisten oder Stimmgruppen vorgeführt (dann klang es so leicht), entfaltete sich im fidelen Miteinander gleichwohl auf lehrreiche Weise. In einem etwas umständlichen Tauschverfahren durften in jedem Satz einige Zuschauer auf die Bühne und sich ins Orchester mengen. Das war immer ein Rennen und Sausen, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt.

Die Reihe „Spotlight“ wird im nächsten Jahre fortgesetzt – vielleicht etwas Russisches, vielleicht etwas mit Ballett, vielleicht auch etwas zum Mittanzen, kündigte Orozco-Estrada an, dem die Herzen regelrecht zuflogen. Aber auch dem Triangelspieler. Und den Kontrabässen. Eigentlich allen.

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