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Anne Sofie von Otter und Julia Lezhneva in der Alten Oper: Bestürmt von zwei Winden ...

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Von: Judith von Sternburg

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Ein leidenschaftlicher Abend mit Anne Sofie von Otter, Julia Lezhneva und den Berliner Barock Solisten in der Alten Oper Frankfurt.

Zwischen der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter und der russischen Sopranistin Julia Lezhneva liegen fast 35 Jahre, beinahe ein Berufsleben, und nicht allen Sängerinnen und Sängern ist eine solche Spanne gegönnt. Ungewöhnlich, die beiden Frauen miteinander zu erleben, für die ein Begriff wie Ausnahmekünstlerin geschaffen worden sein muss, hier trotzdem gleich zwei davon. Otter, Lezhneva und die Berliner Barock Solisten – ein Ausnahmeensemble, auch das noch – gestalteten gemeinsam das erste Frankfurter Bachkonzert der Saison in der Alten Oper Frankfurt. Gestalten ist auch kein Wort, das immer passt, aber hier.

Zu Beginn Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“, Lezhnevas junge und doch erschütternd reife Stimme im feinziselierten Verein mit Otter, die die Altpartie übernimmt. Auch die Streicher – Geigen und Bratschen spielen stehend, ein Abend ohne Blasinstrumente – wirken hier eigentlich wie weitere menschliche Stimmen, so dass sich feine Harmonieschichten und minimalistische Gesangslinien meditativ übereinanderlegen und aneinanderschmiegen. Dass das Musik ist, der man mit Ausdruckstanz begegnen müsste – mindestens etwas tun müsste wie William Hurt, als er sich in dem Film „Gottes vergessene Kinder“ zu Bach bewegte –, ist von der katholischen Innigkeit nicht zu trennen. So handhaben es auch Sängerinnen und Ensemble, die bei allen sinnvollen Abständen wie ein einziger musizierender Körper auftreten. Süße und Gram finden sich dabei in jenem vielleicht doch einmaligen christlichen Verein.

Quasi mit Trommelwirbel

Nach der Pause das Kontrastprogramm, auch begleitet von einem spektakulären Garderobenwechsel und eröffnet von Lezhneva, die eine Arie aus der Opernrarität „La Griselda“ von Antonio Vivaldi singt. „Agitata da due venti“ ist ein fast bizarres Bravourstück. Die beiden Winde aus dem Titel, die die Figur Costanza aus Gründen, die wir nicht kennen und nicht kennen müssen, schier zerreißen, schlagen sich in irrwitzigen Tonsprüngen quer durch alle erreichbaren Register und in unerhörten trillerartigen Elementen nieder. Es ist fast entspannend, wenn zwischendurch herkömmliche Koloraturen perlen. Wie aufgezogen – eine Wirkung die die Spannkraft und zugleich Lockerkeit ihrer Stimme leicht erzeugt – gelingt Lezhneva einfach alles, makellos, lückenlos, ohne Mogelei, dazu noch, als wäre es ein großer Spaß. Ein Spaß freilich mit Artistik. Man hört sozusagen den Trommelwirbel.

In diesem Opernarienteil können beide Sängerinnen sich zudem auch als Bühnenkünstlerinnen zeigen, natürlich sind das immer auch Spielszenen. Dramatik und Selbstironie gesellen sich zueinander, auf die Spitze getrieben von Otter im vor Leidenschaften rasenden Juno-und-Iris-Stück aus Händels „Semele“. Ein großartig und klug zusammengestelltes Programm, wie nicht nur die beiden Prachtnummern demonstrieren, sondern auch Liebesduette mit neckischem Aneinanderstipsen.

Kurze Orchestereinlagen demonstrieren das schlanke, topfitte Virtuosentum der Barock Solisten.

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